Relokalisierung und mehr Eigenproduktion

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Handlungsfeld gerechtes Wirtschaften durch Relokalisierung und vermehrte Subsistenzproduktion: REconomy

Die Vision einer lokalen, gemeinwesenorientierten Ökonomie ist weder technikfeindlich noch am Prinzip der Autarkie ausgerichtet, würde aber beide für das Arbeitsleben essentielle Bereiche in anderen Entscheidungsstrukturen gestalten: Der Einsatz von Technik muss sich an einem »menschlichen Maß« orientieren, und der Handel mit anderen Regionen sollte nicht nur zur Herausbildung von bedrohlichen Abhängigkeitsstruktiren führen.

Die Rolle von Produzenten und Konsumenten verändert sich dahingehend, dass lokal produzierte Güter im Ansehen und Wertschätzung zunehmen und die Unternehmensformen gemeinschaftlicher kooperativer Eigenproduktion die daran Beteiligten zu „Prosumenten“ werden lässt.

Die Einführung einer Grundsicherung stellt die Grundlage her, dass Menschen sich in anderer Weise für oder gegen die Aufnahme einer bezahlten („marktvermittelten“) Arbeitstätigkeit entscheiden können.

Ein Apell zur Veränderung des zentralen Index‘ zur Messung der Wirtschaftsleistung in unserer Gesellschaft, das Bruttoinlandprodukts (BIP), in das nahezu ausschließlich die über den Markt vermittelte Wertschöpfung – und damit keinerlei ehrenamtliche Tätigkeiten, Nachbarschaftshilfe, Hausarbeit oder Eigenarbeit – hineingerechnet werden.

Es besteht in der Wahrnehmung der Arbeit durch die Indikatorensysteme zur Messung nachhaltiger Entwicklung eine Kurzsichtigkeit wie jene, die durch die Messung gesellschaftlicher Wohlfahrt durch die Wachstumsrate des BIP angelegt ist: Zum Thema Arbeit in einer Nachhaltigkeitsstrategie ist es unzulänglich, wenn ausschließlich Indikatoren präsentiert werden, die auf die Erwerbsarbeit bezogen sind. Beide Orientierungen, Wachstum im herkömmlichen Verständnis des BIP und Erwerbsarbeit, können so aufeinander bezogen sein, dass wichtige Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung ausgeblendet bleiben. Mit anderen Worten: Es wäre sinnlos, eine Ökonomie ohne Wachstum ausschießlich mit den traditionellen Erfolgsindikatoren der Erwerbsarbeit messen zu wollen: Schon aus diesem Grund weden bei einem Regionalen Wohlfahrtsindex Hausarbeit und ehrenamtliche Arbeit als wohlfahrtstiftende Komponenten mit in die Berechnung aufgenommen (vgl. „Gemeinwohlökonomie“. Aber es bedarf auch weiterer Indikatoren, anhand deren das Thema Arbeit in der Regionalentwicklung der Ökonomie beurteilt werden kann – und damit ginge es in einer gesellschaftlichen Positionsbestimmung zum Stellenwert der Arbeit zunächst um eine Diskussion und um die Festlegung angemessener Ziele.

Die Erweiterung des Arbeitsbegriffs bedeutet: Nicht nur die bezahlte Erwerbsarbeit darf zählen, sondern alle Formen der Arbeit, von der Eigenarbeit über die Hausarbeit und ehrenamtliche Arbeit bis zur formellen Abeit. Die Gleichbehandlung, zumindest aber eine Annäherung der gesellschaftlichen Wertschätzung dieser verschiedenen Arbeitsformen, lässt eine einseitige Fixierung auf bezahlte Erwerbsarbeit leichter überwinden. Der formale Arbeitsmarkt verliert die überragende wirtschaftliche Bedeutung, die er heute noch hat („Gerechtes Wirtschaften“).

Eine »Kultur der Selbständigkeit«, die neben einer Grundsicherung die Voraussetzung für die angestrebte Mischung der Arbeitsformen zwischen formeller und informeller Ökonomie ist („Neue Arbeit – Neue Kultur“), erfordert ein bestimmtes Bildungsniveau sowie die Fähigkeit zum »lebenslangen Lernen«.

Ein existenzsicherndes Grundeinkommen für alle Menschen über deren gesamte Lebenszeit ist Vorbedingung für die Möglichkeit einer anderen Gestaltung der Arbeitswelt. Die Wahlfreiheit zwischen den verschiedenen Arbeitsformen kann erreicht werden, wenn den Bürgerinnen und Bürgern eine solche Grundsicherung auf Dauer zur Verfügung steht. In diesem Sinne hat die Grundsicherung mehr die Funktion eines „Arbeits-Stipendiums“, als die Funktion eines Lohns.

Die Ausrichtung von technischem Fortschritt an einem »menschlichen Maß« ist nicht leicht lösbar; die Freisetzung zahlloser Kleinbauern in den Ökonomien der mittel- und osteuropäischen Staaten, die mit Hilfe elaborierter landwirtschaftlicher Maschinen ermöglicht wird, ist ein Beispiel für eine hochkomplexe Problemkonstellation. Der Ausbau von Strukturen lokaler und regionaler Ökonomien in Verbindung mit gemeinschaftlichem Eigentum von Produktionsmitteln, mit kooperative Wirtschaftsformen, zum Beispiel genossenschaftlichen Organsitionsformen und der Konzentration auf ein regionales Geld-, Kredit- und Bankensystem kann ein Weg sein.

Arbeit in einer Postwachstumsgesellschaft wird die Gestalt einer neuen Mischung aus unterschiedlichen Arbeitsformen zwischen formeller und informeller Arbeit annehmen; dies setzt einen ganzheitlichen Begriff der Produktion voraus und damit eine Abkehr von der Betrachtung von Arbeit als reinem Produktionsfaktor.

 

aus: Diefenbacher, Hans: Wege aus der Wachstumsgesellschaft – Die Bedeutung einer Veränderung der Rolle von Wachstum und Arbeit in einer Postwachstumsgesellschaft. In: Welzer, Harald; Wiegandt, Klaus: Wege aus der Wachstumswelt. 2013, Seite 158-180.

 

 

Schlagwörter & ergänzende Hinweise

# Dahm, Daniel; Scherhorn, Gerhard: Urbane Subsistenz. Die zweite Quelle des Wohlstands. 2008.

# Handlungsfeld Klimabewusstes Ernähren

# REconomy bei Transition Initiativen

# P.M.: Subcoma. Subsistenz, Community, A-Patriarchat. Nachhaltig vorsorgen für das Leben nach der Wirtschaft. 2000.

# Prosumentenkooperation im Lebensmittelsektor

# Freiburger Wirtschaftsförderung

# Koordinationsstelle für Bürgerschaftliches Engagement und Freiwilligenarbeit der Stadt Freiburg

# Haus des Engagements

# Freiburger Freiwilligen-Agentur beim Paritätischen Wohlfahrtsverband

# Freiburger RegionalGeldWende

# Förderung kooperativer Wirtschaftsformen

# Gesetzliche und tarifliche „Arbeitszeitverkürzung

# Wege zum Wandel mit Kora Kristof am 10.11.2011

# Nachhaltige Lebenstile & gesellschaftlicher Wandel mit Kora Kristof am 15.11.2011

# Die große Transformation – worum geht es? Mit Kora Kristof am 23.01.2016

# Erfolgsbedingungen für gesellschaftliche Veränderungsprozesse mit Kora Kristof am 18.12.2017


 

 

 

 

 

 

 

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