Handlungsfeld Nachbarschaften entwickeln

Handlungsfelder für einen Neustart von Freiburg im Breisgau nach Transition Towns Freiburg im Breisgau

Neben den politischen Aktivitäten ist es notwendig, die Commons (Allgemeingüter) ganz konkret lokal und regional von der Alltagspraxis her aufzubauen. Geschieht das nicht, so riskiert man, allzu sehr von politischen Organisationen und Konstellationen abhängig zu werden und vor lauter »Vernetzung« die effektiven materiellen Veränderungen zu vernachlässigen.

Handlungsfeld Nachbarschaften entwickeln

Life Maintenance Organisation (LMO)

Aus anonymen Wohnsiedlungen können funktionierende Nachbarschaften entwickelt werden. Nachbarn können sich als Verein oder als Genossenschaft konstituieren und vertragslandwirtschaftliche Kontakte knüpfen. Nachbarschaften veranstalten nicht nur hie und da Grillpartys, sondern werden haushaltsökonomische Einheiten. Aus dem Nachbarschaftsdepot entwickelt sich ein Mikrozentrum. Solche Basisinititiven sind vielerorts möglich, vor allem auch in Genossenschaftssiedlungen. Städte können Wohnbauten im Nachbarschaftsmuster einrichten. Auf Brachen, Industriearealen, ehemaligen Kasernen, Lagerhäusern usw. lassen sich Nachbarschaftsmodelle installieren. Wie würde wohl die sogenannte »Hafencity« in Hamburg heute aussehen, wenn dort zehn durchmischte, nachhaltige Nachbarschaften entstanden wären, statt dass man dort das Land den Immobilienhaien zum Fraß vorgeworfen hat?

Eine ökologisch nachhaltige Lebensweise braucht mehr (Benutzungs-) Gemeinschaften. Die Spirale von Lebenskosten und nötiger Arbeit zwingt in die kapitalistische Tretmühle zurück – einen Ausweg bieten nur Bereiche wirklichen gemeinsamen Hauswirtschaftens. Die Gemeinschaftsprojekte können dabei höchstens ein wichtiges illustratives Element einer breiteren Bewegung sein – als Freiräume für die modellhafte Entwicklung von Alternativen: Gegenüber den etwas diffusen Projekten des Dritten Sektors haben sie den Vorteil, dass sie autonom bestimmte Räume bieten, eigentliche Kerne alternativen Lebens. In ihnen können wir postkapitalistische Umgangsformen ohne äußere Regulation erproben, als Inspiration für die Hauptaufgabe – die Umwandlung urbaner Nachbarschaften!

Es geht dabei um den Aufbau von Vertrauen, Transparenz, Kooperation und Solidarität zwischen Männern und Frauen – und um die Auseinandersetzung mit unserer (kapitalistischen) Sozialisation. Ein neues Vertrauen kann nur aus einer neuen Lebensweise entstehen. Solche Veränderungen rücken uns direkt auf den Pelz – und darum haben wir Angst vor ihnen.

(zusammengestellt aus: P.M.: SubComA – Nachhaltig vorsorgen für das Leben nach der Wirtschaft, Zürich 2000).

 

500 Bewohner in der Stadt, verbunden mit dem Land

Eine städtische Nachbarschaft von ca. 500 Mitgliedern wäre verbunden mit einem Stück Land von ca. 100 Hektar, das höchstens 40km weit entfernt ist. Die Stadtbewohner bilden eine Gemeinschaft mit den Landbewohnern, mit denen zusammen sie das assoziierte Landstück bestellen.

Die Größenordnung von ca. 500 Mitgliedern (zwischen 400 und 800) ergibt sich als Synthese verschiedenster Aspekte wie Kooperation, Kommunikation, Universalität, Ökologie, flexible Arbeitsteilung, Generationenmischung, Städtebau, Handlungsfähigkeit, Stabilität, Demokratie usw. Insbesondere stellen solche Nachbarschaften ein ideales Soziotop für nachhaltige Kooperation dar, (»…cooperation con thrive, when cooperators huddle together to form clusters…« Martin Nowak 2011, S. 250), machen also Tausch und Märkte an der Basis überflüssig. Nachbarn sind bewusst »kühle« soziale Einheiten, die eine formelle Organisation brauchen und damit die Bildung von Machtklüngeln und Gruppenegoismen verhindern. Wer engere Gemeinschaften sucht (Wohngemeinschaften, Hausgemeinschaften), kann diese sehr gut in die größere Nachbarschaft einbetten und damit sogar noch ihre Stabilität (internes Umziehen) erhöhen. Selbstverständlich heißt das nicht, dass es nicht auch Nachbarschaften mit 150 oder 1000 Bewohnern geben kann: Man muss sich dann allerdings bewusst sein, dass gewisse Abweichungen vom Modell entstehen und die Infrastruktur redimensioniert werden muss oder der Arbeitsaufwand der Bewohner sich verändert. Der Zusammenarbeit zwischen benachbarten Nachbarschaften sind zudem keine Grenzen gesetzt.

Ergänzende Hinweise:

 # Stadtquartiersinitiative Zähringer Kirchplatz; Transition Town Freiburg e.V.: Gemeinschaftlich kochen, gewürzt mit Geschichten aus der Landwirtschaft. Letter of Intent, 19.12.2016, hier.

 # Lebendiges Zusammenleben in der Nachbarschaft. Projektgruppe bei Transition Town Freiburg, hier.

 # Helfrich, Silke; Bollier, David und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Die Welt der COMMONS. Muster gemeinsamen Handelns. 2015, hier lesen.

 # Heimrath, Johannes: Die Post-Kollaps-Gesellschaft. Wie wir mit viel weniger viel besser leben werden – und wie wir uns heute schon darauf vorbereiten können. 2012.

 # Ostrom, Elinor; Helfrich, Silke (Hrsg.): Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter. 2012.

 # Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): COMMONS. Für eine Politik jenseits von Markt und Staat. 2012, hier lesen.

 # Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Wem gehört die Welt? Die Wiederentdeckung der Gemeingüter. 2009, hier lesen.

 # Vortragsausschnitt „Sind neue urbane Nachbarschaften auch ein Modell für das Leben im Alter?“ von Hans Widmer (Autor und Vorstandsmitglied von Neustart Schweiz), Universität Zürich am 14.11.2012, hier.

Vorstellung des Buches "Kartoffeln und Computer" von P.M., verbunden mit eigenen Gedanken aus der Zukunftswerkstatt Jena 2013. # P.M.: Kartoffeln und Computer. Märkte durch Gemeinschaften ersetzen. 2012.

 # P.M: 1 Nachbarschaft – 500 Bewohner in der Stadt, verbunden mit dem Land – Ernährungssouveränität. 2012.

 # DANACH-Konferenz: Hans Widmer (Autor und Vorstandsmitglied von Neustart Schweiz: Wo liegt das Potenzial multifunktionaler Nachbarschaften? 2012.

 # DANACH-Konferenz: Podiumsdisskussion vom 20.10.2012 über «Wachstumsrücknahme, multifunktionale Nachbarschaften, Wohnbaugenossenschaften, Resilienz und Transition-Town Initiativen». Mit Christa Ammann (Décroissance), Matthias Stalder (Vision 2035), Peter Schmid (Wohnbaugenossenschaften Schweiz) und Hans E. Widmer (Neustart Schweiz). Moderation: Daniel Hitzig (DRS 1-Korrespondent).

 # Bergmann, Frithjof: Arbeit – Untergang oder Aufstieg? 2011.

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# P.M.: Neustart Schweiz. So geht es weiter. Hrsg.: Christoph Pfluger. 2009.

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# P.M.: Subcoma (Subsistenz – Community – Anti-Patriarchat). Nachhaltig vorsorgen für das Leben nach der Wirtschaft. 2000, hier Probelesen.

 # Die Sendung Zeitgeist berichtet in dadaistischer Art über die Stadtutopie bolo’bolo von p.m. Ein neu gesichteter Eingeborenen-Stamm (Bewegte aus der Zürcher Szene) plant ein erstes Bolo am Stauffacher. 1987.

# P.M.: bolo’bolo. 1983.

 # Rezension von bolo’bolo von Tanja Schlemm (2008), hier.

 

 # Ostrom, Elinor: Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt. 1999.

 # Handlungsfeld Quartierzentren einrichten

Langeweile muss in Fußdistanz bekämpft werden. Statt Warenhäuser, Bankfilialen und Supermarktketten in den Quartierzentren wären nichtkommerzielle Treffpunkte, verkehrsfreie Plätze, Kooperationsbörsen, kombinierte Lern- und Kulturzentren (ABC: Anti-Boredom-Centers) dort am richtigen Ort. Es lebe die Quartierspiazzetta! Das Einwirken auf die Stadtplanung im Sinne einer Stadt für alle ist ein wichtiges Handlungsfeld. Schon in Quartieren (oder Landstädten) können Commens entfaltet werden und Kreisläufe geschlossen werden. Eine Möglichkeit besteht darin, dass eine Bürgerinitiative unaufgefordert Planungsvorschläge für solche Quartierszentren macht, vielleicht unterstützt durch »künstlerische« Aktionen.

 # Handlungsfeld Stadtpolitik machen

Die Städte müssen Impulsprogramme (Anfangskapital, Beratung) für Nachbarschaften und Quartiere anbieten. Dafür braucht es politische Lobbyarbeit. Die Stadtentwicklung muss auf eine soziale, kommunikative Verdichtung abzielen. Das sind keine teuren Hochhäuser, sondern idealerweise Blockrandbebauungen von 6- bis 7-stöckigen Bauten. Alte Plattenbauten eignen sich dafür ganz gut. Mit öffentlichen Geldern muss Bauland so verbilligt werden, dass bezahlbare Wohnungen in selbstverwalteten Nachbarschaften gebaut werden können.

Die Stadtzentren müssen teilweise entkommerzialisiert und stadtweise Treffpunkte eingerichtet werden. Der Automobilverkehr muss im Wesentlichen aus der Stadt verbannt werden. Bürgerinitiativen für autofreie Siedlungen und Zonen, für restriktive Parkplatzverordnungen usw. können da helfen. Die Kisten stören einfach!

Die öffentlichen Dienste müssen verteidigt und ausgebaut werden. Wiederverstaatlichung statt Privatisierung! Die lokale Demokratie muss ausgebaut werden, z.B. durch die Einführung von Initiativen, Referenden, Quartierräten.

 # Handlungsfeld Regionen aktivieren

In den Regionen muss die Verknüpfung von Bauernbetrieben mit städtischen Nachbarschaften organisiert werden. Städte können mit Bauernverbänden kooperieren, um den Nachbarschaften vertragswirtschaftliche Modelle zu ermöglichen. Ein großer Teil der Energieproduktion soll regional erfolgen (Wind, Sonne, Geothermie, Hydroelektrik, Biogas).

Ehemalige Flughäfen, Militäranlagen, Industrieareale an Stadträndern sind ideale Standorte für den Aufbau von Agroquartieren, die Landwirtschaft direkt mit Wohnen verknüpfen (der Spaten steht im Hauseingang).

 # Handlungsfeld Territorien stärken

Die Territorien (Länder, Provinzen) müssen gegenüber den Nationalstaaten gestärkt werden. Das Verhältnis zu den Nationalstaaten muss neu definiert werden. Diese werden zu lockeren Staatenbünden, die mehr koordinierende, ausgleichende und ergänzende Funktionen haben, bis sie später in subkontinentalen Verbänden untergehen. Wirtschaftliche Kreisläufe sollen vermehrt territorial geschlossen werden. Der Einfluss des Volkes durch direkt-demokratische Systeme ist hier wirksam und praktikabel. Wie auch in den Regionen ist eine auf Relokalisierung ausgerichtete Raumplanung notwendig.

Die Zersiedelung wird gestoppt, dafür werden die bisher besiedelten Zentren verdichtet. Industrien sollen möglichst an Eisenbahnachsen relokalisiert werden, damit der Lastwagen schrumpfen kann.

Die heutigen Teilstaaten oder Staaten müssen Impulsprogramme für den nachbarschaftlichen Umbau des Territoriums auflegen. Eine territoriale Organisation für die Förderung des Neustarts der Commons (vgl. Neustart Schweiz) kann politischen Druck aufbauen und zugleich die Bedeutung der Territorien unterscheiden.

 # Handlungsfeld Global zusammenarbeiten

Internationale Treffen und Aktionen sind auch dann wichtig, wenn sie unmittelbar wenig Konkretes zu ergeben scheinen. Die Förderung der globalen Commons, zunächst im Internet, dann auch in materiellen Bereichen, muss in diesem Kreis verstärkt werden. Territorien, Städte und Nachbarschaften können direkt globale Kontakte aufnehmen und gemeinsame Projekte starten. Die Unterstützung von Kämpfen für die Commons braucht internationale Unterstützung. Die territorialen Organisationen für einen Neustart der Commons vernetzen sich global. (vgl. viacampensina.org, commoner.org.uk)

 # Sieben Leit-Thesen

  1. Ein Ausweg aus der heutigen Krise kann nicht durch geniale makroökonomische Manipulationen geschaffen werden: Unser Leben muss sich von Grund auf ändern

  2. Die Zugehörigkeit zur Gesellschaft wird nicht durch ökonomische Kriterien definiert, sondern durch die Geburt auf diesem Planeten. Das Leben auf diesem Planeten ist ein Pauschalarrangement, all inklusive und ausreichend für alle.

  3. Die Grundlagen des Lebensunterhalts sind die Commons, die Summe der materiellen und immateriellen Ressourcen, Güter und Leistungen auf diesem Planeten, die nachhaltig gewährleistet werden können.

  4. Die Commons setzen Gemeinschaften voraus, die sie sorgfältig pflegen und fürsorglich verteilen (es gibt nur noch Care Economys!). Die Gemeinschaften gewährleisten kulturelle Vielfalt.

  5. Die Gemeinschaften der Commons sind in verschiedenen Kreisen organisiert, die sich auf die lokalen Gegebenheiten und Ressourcen beziehen und sich gegenseitig subsidiär aushelfen: Nachbarschaften, Stadtteile/Bezirke, Regionen, Territorien, Subkontinente. Diese Gemeinschaften schaffen landwirtschaftliche, industrielle und kulturelle Subsistenz.

  6. Die Erhaltung der planetarischen Commons erfordert eine planetarische Organisation, die auf den territorialen Kreisen basiert und die eine nachhaltige Planung des Ressourcenverbrauchs einrichtet.

  7. Die Gemeinschaften basieren auf einer klar geregelten, allgemeinen demokratischen Mitbestimmung, die keine ethnischen, kulturellen oder physischen Unterscheidungen akzeptiert.

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