Warum es entscheidend auf eine positive Vision ankommt

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Es wäre »am besten, wenn wir dies als eine unaufhörliche ‚Revolution des Bewusstseins‘ begreifen würden, die nicht durch Waffen erreicht wird, sondern durch das Erfassen der Schlüsselbilder, Mythen, Archetypen, Eschatologien und Ekstasen, so dass einem das Leben nicht mehr lebenswert erscheint, es sei denn man lebte auf der Seite der verwandelnden Energie« (Snider in Hopkins 2010).

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»Um den Planeten zu retten, benötigen wir keine wunderbaren technischen Durchbrüche oder großen Mengen Kapitals. Was wir im Wesentlichen brauchen, ist ein radikaler Wandel unseres Denkens und Verhaltens« (Trainer in Hopkins 2010).

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»Die Unsicherheit unserer Zeit ist kein Grund, sich der Hoffnungslosigkeit sicher zu sein« (Shiva in Hopkins 2010).

 

Der Klimawandel und die drohende Erdölverknappung können für manche Menschen sehr verstörend wirken. Die meisten von uns dürften sich erinnern, wo sie am 11. September 2001 waren, und die Älteren unter uns werden noch wissen, wo sie sich befanden, als John F. Kennedy ermordet wurde. In ähnlicher Weise können die meisten Menschen, denen die Konsequenzen des Klimawandels und des Peak-Oil-Problem zum ersten Mal richtig bewusst geworden sind, Geschichten von dem Moment erzählen, als bei ihnen »der Groschen fiel« und sie, wie ich es manchmal nenne, aus ihrem »Vorstadttraum« erwachen. Es ist wichtig, sich nicht nur intellektuell mit diesem Problemen auseinanderzusetzen, sondern sich einzugestehen, dass sie uns emotional aufwühlen und betroffen machen, denn wie wir mit dieser Betroffenheit umgehen, entscheidet darüber, wie wir auf die Herausforderungen reagieren – oder eben nicht reagieren.

Es ist daher auch wichtig, sich die Kraft positiver Visionen bewusst und zunutze zu machen. Allzu häufig betreiben Umweltschützer Angstmache, in der irrigen Annahme, mit apokalyptischen Zukunftsszenarien die Menschen zum Handeln bewegen zu können. Diesen Fehler können wir vermeiden und können im Gegenteil erstrebenswerte Zukunftsvisionen entwerfen, von denen sich die Menschen unmittelbar angezogen fühlen. Hopkins stellte eine Vision vor, wie Großbritannien im Jahr 2030 aussehen könnte, wenn der Anpassungsprozess an ein drastisch vermindertes Energieangebot kreativ in Angriff genommen wird und die Zukunft in gesteigerter Widerstandskraft, einer lokalen Wirtschaft, und einem radikal verminderten Energieverbrauch gesucht wird. Die doppelte Herausforderung von Erdölverknappung und Klimawandel schafft die einmalige  Chance, die Welt um uns herum neu zu denken, neu zu erfinden und neu zu bauen. Im Kern steht die Überzeugung, dass diese Wende besondere innere Ressourcen erfordert, nicht bloß ein abstraktes intellektuelles Verständnis. Das ist für die Umweltbewegung ein relativ neuer Ansatz, doch hängt davon entscheidend ab, ob wir genügend Unterstützung für eine grundlegende Energiewende mobilisieren können (vgl. Hopkins 2010, Seite 81).

Fragen wir uns, wie uns die grßen Veränderungen durch Erderhitzung und Erdölverknappung persönlich tangieren.  Ich befasse mich seit einiger Zeit mit diesem Thema und habe häufig erlebt, wie Menschen reagieren, wenn ihnen bewusst wird, wie groß die Herausforderung ist, vor der wir stehen. Für einige ist es ein Schock, andere fühlen sich in dem bestätigt, was sie schon immer vermutet haben. Bei vielen ist die Reaktion nicht so eindeutig. Über die Jahre sind mir bestimmte Symptome eines Phänomens aufgefallen, das ich mittlerweile als »Post-Erdöl-Belstungsstörung« bezeichne Vielleicht erkennen sie einige davon wieder:

Feuchte Hände, ein mulmiges Gefühl und erhöhter Puls

[…]

Bestüzung und ein Gefühl der Unwirklichkeit

[…]

Festhalten an unerfüllbaren Hoffnungen

[…]

Angst

[…]

Resignation und/oder Überlebenstraining

[…]

Leugnung

[…]

Übertriebener Optimismus

[…]

Das »Ich hab´s doch schon immer gesagt«-Syndrom

[…]

 

Der Zukunftsangst begegnen… (Hopkins 2010, Seite 82-85).

 

 

# Ergänzende Hinweise:

NANK_NeueArbeit-NeueKultur-Postkarte-LangDin_2a+b2018

Öko-Institut e.V. Institut für angewandte Ökologie: Heute. Morgen. Zukunft. Visionen und Wege für eine Nachhaltige Gesellschaft. 2017, hier.

Brüggemeier, Franz-Josef: Sonne, Wasser, Wind. Die Entwicklung der Energiewende in Deutschland. 2015, hier .

Wogawa, Stefan: Alternativen zm „Wirtschaftswachstumswahnsinn“. Interviews mit einem Visionär: Frithjof Bergmann, Vordenker der „Neuen Arbeit“. 2012.

Vision2015. fechnermedia, 2011, hier.

Hüther, Gerald: Kommunale Intelligenz. Potenzialentfaltung in Städten und Gemeinden. 2013, Vortrag hier 2015.

Hopkins, Rob: Warum es entscheidend auf eine positive Vision ankommt. In: Derselbe: Energiewende – Das Handbuch. Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen. 2. Auflage, 2010, Seite 81.

Hopkins, Rob: Die Kraft positiver Visionen. In: Derselbe: Energiewende – Das Handbuch. Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen. 2. Auflage, 2010, Seite 96-105.

Hopkins, Rob: Eine Vision für 2030. Rückblick auf die Energiewende. In: Derselbe: Energiewende – Das Handbuch. Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen. 2. Auflage, 2010, Seite 106-123.

Hopkins, Rob: Kinsale: Ein erster Versuch einer Vision auf kommunaler Ebene. In: Derselbe: Energiewende – Das Handbuch. Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen. 2. Auflage, 2010, Seite 124-130.

Bergmann, Frithjof; Friedland, Stella: Neue Arbeit kompakt. Vision einer selbstbestimmten Gesellschaft. 2007.

Sikora, Joachim; Hoffmann, Günter: Vision eines Regionalen Aufbruchs. 2005.

Sikora, Joachim: Vision-Reader. Von der gesellschaftlichen Vision zur politischen Programmatik. 2004.

Petrowitsch, Stephan: Die Kraft gelebter Visionen. Mit Liebe und Erfolg zu neuen Perspektiven. 2004.

Blanchard, Ken; Bossel, Jesse: Full Steam ahead – volle Kraft voraus. Die Kraft von Visionen. 2004.

Krause, Florentin; Bossel, Hartmut; Müller-Reissmann, Karl-Friedrich: Energiewende. Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran. 1980, hier weiterlesen.

 

 

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  • Jörg Beger

    9. Oktober 2018 at 00:29

    Repair – Wie die Welt noch zu retten ist.

    Als Zukunftsvision schwebt dem gebürtigen Deutschen und Philosophen, Futurologe und Weltverbesserer Frithjof Bergmann eine ganz andere Form des Wirtschaftens und Arbeitens vor, als die die wir jetzt haben. Bergmann ist Begründer der so genannten New Work Bewegung. In Detroit, einer Stadt in der es im manchen Stadtvierteln 70-80 Prozent Arbeitslosigkeit gibt, versucht Bergmann mit den degressierten Opfern der Deindustrialisierung neue Arbeitsmodelle zu entwickeln. Auch die Siedlungen, in denen wir leben werden, sollen Bergmanns Vorstellung nach, ganz anders strukturiert sein als heute:

    „Es ist weder Stadt noch Dorf. Es ist das Beste von beidem, eine Art von sozialem Gebilde. Es ist eine neue Erfindung in der, wie man es jetzt schon in vielen Städten sieht Felder gibt, in denen es Treibhäuser gibt und das, was wir Foodhäuser nennen, wo dann auch schon Fische gezüchtet werden. Der Fischdreck ist ein sehr guter Dünger. Und das ist ein Teil der Stadt und drückt auch das Lebensgefühl in dieser Stadt aus, aber gleichzeitig ist es ein Ort an dem Mikrowellenöfen oder Kühlschränke hergestellt werden – aber unter Umständen eben auf eine unvostellbar leichtere elegantere ökonomischere Art und Weise, als bisher – mit Hilfe von Fabrikatoren.“

    „Fabrikatoren gibt es in vielen Ausführungen. Der Fabrikator ist eine Maschine, die dreidimensionale Gegenstände aus dünnen Schichten aufbaut, erzeugt und herstellt. Der Fabrikator hat es in sich, die Welt zu verändern wie es der Computer schon gemacht hat.“

    „Wir gehen auf eine Zukunft zu, in der eine kleine Gruppe von Menschen, ein Dorf oder ein Markt oder ein Stadtteil sich im Prinzip fast alles was man zu einem fröhlichen erfüllenden Leben braucht am Ort herstellen kann. Und das ist natürlich ganz was anderes als das, was wir jetzt schon haben. Und das wird Konsequenzen haben. Das Zeitalter der großen Industrien ist im Sonnenuntergang und wir beobachten jetzt den Sonnenaufgang. Eine Zukunft die unvergleichlich ökologischer humaner intelligenter fröhlicher menschlicher sein wird als die Vergangenheit aus der wir uns jetzt herausarbeiten…“

    „In dieser Zukunft wird verhältnismäßig sehr wenig Zeit – um es konkret zu machen, vielleicht zehn Stunden in der Woche – wird man sich schon auf die eine oder andere Art abrackern und tun, was man nicht unbedingt tun will, aber tun muss – aber das erträglich gestaltet worden ist. Aber eben nur etwa zehn Stunden. Die ganze große weit offene Zeit, die uns zur Verfügung steht, wird man nicht vergeuden, auf einem Wasserbett liegend sich langweilen, sondern einer Fülle von Tätigkeiten nachgehen. Aber eben Tätigkeiten, die den Menschen anregen, stimulieren, die ihn aufregen und begeistern, die ihm ein Lebensgefühl geben, dass er ins Leben hineingezogen wird, anstatt immer trister, immer trauriger und immer depremierter zu werden wie bisher…“ (Frithjof Bergmann, ars electronica Linz 2010).
    In: Repair – Wie die Welt noch zu retten ist. Ein Mutmachfilm von Günter Kaindlstorfer. 45′ ORF, 2010, hier.

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