Leitbilder fuer Lebensstile in der Ressourcenleichten Gesellschaft

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Ressourcenleichte Utopien

Konsum und Lebensstil tragen erheblich zu Ressourcen- und Umweltverbrauch bei. Ressourcenleichte Lebensmodelle scheinen zur konsumorientierten Marktwirtschaft nicht zu passen – eine Ökodiktatur will jedoch auch niemand. Wie lässt sich die Vision einer ressourcenleichten Gesellschaft erreichen – und mit welchen Leitbildern kann man sie erzählen?

Keine Gesellschaft wird ohne Druck und Not Veränderungen umsetzen, die sie nicht versteht und deren Notwendigkeit und Folgen sie nicht absehen kann. Für die Entwicklung dieses notwendigen Verständnisses aber brauchen wir auch Visionen für die gesellschaftliche Realisierung und die entsprechenden Optionen einer ressourcenleichten Gesellschaft. Nötig sind Leitbilder einer ressourcenleichten Gesellschaft, verstanden als neue Möglichkeiten für eine positive gesellschaftliche Transformation. Solche Fiktionen (siehe Inseln gegen den Strom) sind bis zu einem gewissen Grad zunächst Utopien – im oben dargestellten Sinne. Sie stellen dem aktuellen Zustand eine positive Alternative gegenüber. Ob sie utopisch bleiben ist eine Frage der Handelnden und der sich real herausstellenden Möglichkeiten. Eine Gesellschaft, die über derartige Narrative verfügt, erhält damit gleichzeitig Vorstellungen und Ziele für eine Entwicklung, nach der sie streben kann. Auch wenn vielleicht keine dieser Projektionen und Szenarien jemals in Gänze wahr werden, dienen sie dazu, eine „gute“ Zukunft im Diskurs vorstellbar zu machen. Sie ermöglichen und bereiten den Raum für Diskussion, Kompromisse, Konsens und Gestaltung, aus dem sich eine zukunftsfähige Gesellschaft entwickeln kann. Somit gewinnen die Akteure einer Gesellschaft in jedem Fall, wenn sie in der Lage sind, eine Vielzahl von Utopien als Möglichkeitsraum zu entwickeln, diese zu rekombinieren und aus ihnen zu wählen.

Ziel dieser Leitbilder sollte es daher sein, Möglichkeiten zukünftigen Zusammenlebens innerhalb der Grenzen der Tragfähigkeit aufzuzeigen und dabei emotionale und rationale Gesichtspunkte anzusprechen. Dazu gehören Vorstellungen einer neuen, guten Lebensqualität wie auch die Beachtung neuer Möglichkeiten über gegebene Trends hinaus. Hier zeigt sich die Doppelbedeutung der Ressourcenleichtigkeit: Sie muss nicht nur Ressourcen schonen, sondern auch Lebensqualität bieten – sie muss leicht zu leben sein.

Fünf Wege zum ressourcenleichten Leben

Im Projekt „Erfolgsbedingungen für Systemsprünge und Leitbilder einer ressourcenleichten Gesellschaft“ haben das Wuppertal Institut, Z_punkt – The Foresight Company und sociodimensions im Auftrag des Bundesumweltministeriums sowie des Umweltbundesamtes in Workshops mit Pionieren und Experten fünf solcher Leitbilder entwickelt. Ihre Inhalte entsprechen zwar nicht immer den Überzeugungen und Ansichten aller Erstellenden. Ziel war es aber, eine Vielfalt verschiedener Lösungsansätze zu entwickeln, ohne sich – ganz im Sinne der Utopie – vollständig vom Hier und Jetzt bestimmen lassen zu müssen. Es handelt sich um Leitbilder, die spezifisch die Bundesrepublik Deutschland behandeln und einen Zeitrahmen von etwa zwanzig Jahren in der Zukunft adressieren. Dass auch solche Leitbilder der Plausibilität bedürfen, wurde dabei berücksichtigt – und spätere Schritte im Projekt sollen dafür sorgen, dass es durch Einbindung von Stakeholdern, Fokusgruppen und einer Befragung einen Abgleich mit dem Hier und Jetzt gibt. Im Gegensatz zu „reinen“ Utopien werden dabei aber auch Unterschiede deutlich. Die entwickelten ressourcenleichten Visionen sind zeitgebunden und konkret. Sie wollen Realität deutlich direkter anleiten, als „nur“ Alternativen aufzuzeigen, insofern wollen sie auch plausibel und erreichbar sein. Allerdings ist durch die genannte Bandbreite auch deutlich, dass nicht alle Inhalte Realität werden können und nicht für jeden Menschen jedes Leitbild gleich attraktiv ist. 

Fünf Leitbilder sind also für die Bundesrepublik Deutschland entstanden, die bis zum Jahr 2030 bei entsprechenden Rahmensetzungen Realität werden könnten: 

Genossenschaftliche Regionalität:
Kooperation, Gemeinwohlorientierung und Fairness – die Grundideen von Genossenschaften – haben sich zu tragenden Säulen von Wirtschaft und Gesellschaft entwickelt. Produktion und Konsum sind stark regionalisiert, ausgelöst durch höhere Abgaben für Transport und Mobilität; bei wirtschaftlichen Entscheidungen stehen Gemeinwohl und Natur im Vordergrund. Konsumenten setzen häufig auf „Nutzen statt Besitzen“, Bürger erwarten eine maximale Einbeziehung in politische Entscheidungen und kommunale Gestaltung.

Wirtschaftsfreundliche Ökologisierung:
Eine konsequent auf Ressourcenschonung ausgerichtete Green Economy, getragen von einer hohen technologischen Innovationsdynamik – das ist die Grundlage dieser Gesellschaft. Das politische Vorhaben der Energiewende wurde zur Ressourcenwende. Auf Konsumentenseite dominiert ein an Genuss und Qualität orientierter Lebensstil, der Hersteller motiviert, Produkte hochwertig, langlebig und vor allem ressourcenschonend zu gestalten.

Verordnete Mäßigung:
Der wachsende Wunsch nach Orientierung im „Nachhaltigkeitsdschungel“ hat zur Einführung eines für jeden gleichen BürgerRessourcenBudgets (BRB) geführt, welches den Bürgern so viele Ressourcen zur Verfügung stellt, wie es für die Umwelt langfristig tragbar ist. Bei Herstellern und Dienstleistern entsteht so ein intensiver Innovationswettbewerb um einen möglichst niedrigen Ressourcenverbrauch; Bürgerinnen und Bürger erweitern ihr Konsumverhalten um vielfältige Strategien, mit denen sie ihr Budget „strecken“ können, wie durch Tauschen, Teilen und Wiederverwerten. Die Beteiligung an politischen Prozessen ist relativ niedrig, stattdessen wird auf die Entscheidungsfähigkeit der politischen Führung vertraut.

Freiwillige Genügsamkeit:
Weite Teile der Gesellschaft üben sich in bewusster und freiwilliger Konsumvereinfachung und Konsumverzicht. Ressourcenverbrauch wird stärker besteuert, menschliche Arbeitsleistung hingegen weniger. Diese zusätzlichen Einnahmen des Staatshaushalts finanzieren ein bedingungsloses „Ökologisches Grundeinkommen“. In der Folge verfügen die Bürger über mehr Flexibilität für Aktivitäten jenseits einer Erwerbsarbeit. Bürger, Nichtregierungsorganisationen und Unternehmer nehmen als proaktive Gestalter einer zukunftsfähigen, ressourcenleichten Gesellschaft und Wirtschaft intensiv an politischen Entscheidungsprozessen teil.

Aufgeklärter Globalismus:
Im Zuge einer post-modernen Aufklärungswelle werden wesentliche Teile von Gesellschaft und Wirtschaft dematerialisiert. Die industrielle Basis in Deutschland wird zurückgebaut, der Wissensstandort Deutschland aufgewertet. Immer weniger Waren werden in Deutschland produziert, gleichzeitig unterliegen die Importe strengen (Umwelt-)Auflagen. Postmaterieller Konsum verlagert die Nachfrage auf intelligente, ressourcen- und umweltschonende Produkte, und Status basiert auf Sinnstiftung und Selbstbestimmung. Politische Prozesse werden von aufgeklärten Bürgern selbstbewusst mitgestaltet.

Mögen die Verhandlungen beginnen

Keines der Leitbilder erhebt Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Absolutheit. Einige Leser der Szenarien können sich für Ideen begeistern, die anderen vollkommen fremd sind. So hat sich gezeigt, dass beispielsweise die Vorstellung des ökologischen Grundeinkommens stark polarisiert, nicht nur unter den Befragten, sondern auch unter den Experten und den Pionieren, die dieses Instrument vorgeschlagen haben. Dennoch ist es wichtig, sich über solche Ansätze auszutauschen, sie zu diskutieren und auch gegebenenfalls zu verändern oder zu verwerfen, wenn eine Ablehnung aus guten Gründen erfolgen muss. Die ressourcenleichten, konkreten Utopien stellen in diesem Sinne eine Verhandlungsgrundlage für die Zukunft dar. Sie helfen, sich zu orientieren, sei es durch Bejahen oder Verneinen, durch Akzeptanz oder Ablehnung.

aus: Berg, Holger; Liedtke, Christa: Ressourcenleichte Utopien. In: factoryy. Magazin für nachhaltiges Wirtschaften. 2016, Heft 3, Seite 51-56, hier.

Abgerufen am 14. März 2018, hier.

 

Ergänzende Hinweise

# Was kann Freiburg für den Klimaschutz tun? (2018), hier.

# Handlungsfeld Klimabewusstes Ernähren

# Erfolgsbedingungen für gesellschaftliche Veränderungsprozesse mit Kora Kristof am 18.12.2017

# Die große Transformation – worum geht es? Mit Kora Kristof am 23.01.2016

# Nachhaltige Lebenstile & gesellschaftlicher Wandel mit Kora Kristof am 15.11.2011

# Wege zum Wandel mit Kora Kristof am 10.11.2011

# RLG_Workshop_23. & 24.06.2014; Einladung und Steckbrief

RLG_Workshop_23. &24.06.2014; Informationen und Agenda

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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