Wirtschaftsförderung – ein Tätigkeitsbereich im Wandel

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Langfristiger Wandel (Klima, Demografie, Energie, Ressourcenknappheit) und sich stets erneuernde ökonomische Herausforderungen verlangen nach Transformationsanstrengungen und fordern die Anpassungsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft heraus. Neben weltweiten Vereinbarungen zur »großen« Transformation in Richtung einer klimaverträglichen und nachhaltigen Weltwirtschaftsordnung, wie etwa das Pariser Klimaabkommen und die UN-Nachhaltigkeitsziele, kommt der lokalen und regionalen Handlungsebene für konkrete Schritte der Transformation eine große Bedeutung zu. […]

Je früher sich Regionen auf Herausforderungen des Wandels vorbereiten, desto eher und besser werden sie künftige Krisen und Schocks begegnen können.

Wie können also Handlungsschritte für eine resiliente Regionalentwicklung in einer »reduktiven Moderne« aussehen, die einerseits die Nachhaltigkeitserfordernisse der Energie- und Ressourcenleichtigkeit, der Emissionsreduktion und der Minderung des Flächenverbrauchs erfüllt, aber andererseits auch neue Entfaltungsmöglichkeiten für wirtschaftliche, gesellschaftliche und persönliche Entwicklung schafft?

Regionalentwicklung und Wirtschaftsförderung werden gut daran tun, sich frühzeitig mit den Anforderungen und Perspektiven einer veränderten Wirtschaftsweise zu befassen und die Pioniere der Entwicklung zu unterstützen.

Die Wirtschaftsförderung 4.0 beschreibt ein neues Paradigma, welches die bisherigen Themen der Wirtschaftsförderung und Regionalentwicklung um ein neues Thema erweitert. Betrachtet man diese »Mantren« (vgl. STERNBERG 2012) der regionalen Wirtschaftsförderung, so hat in den vergangenen Jahren vor allem der Clusteransatz starke Verbreitung gefunden, was den Regionalberater Arno Brandt bewogen hat, diesen Mainstream als »Wirtschaftsförderung 3.0« zu bezeichnen.

Insofern kann man diese Phase der Wirtschaftsförderung in einer stärker auf Resilienz ausgerichteten Regionalentwicklung auch als »Wirtschaftsförderung 4.0« bezeichnen, wie es dieser Bericht von Michael Kopatz mit Betonung kooperativer Wirtschaftsformen in Kommunen vertritt und damit dem Additiv 4.0 eine andere Konnotation als üblich gibt. In der Debatte um die Digitalisierung der Wirtschaft wird die digitale Vernetzung von Produkten und Prozessen in der Industrie als »Industrie 4.0« bezeichnet. Die Wirtschaftsförderung 4.0 kümmert sich jedoch nicht allein um Produktionsaspekte, sondern auch um Distribution, Konsumtion und die Verknüpfung mit gesellschaftlichen Prozessen. […]

Die Wirtschaftsförderung 4.0 fragt nach den Aspekten, Regionen widerstands- und zukunftsfähiger zu machen. Resilienz meint nicht die Rückkehr auf altbekannte Pfade, sondern einen dynamischen Wandlungsimpuls der von systemischen Gefährdungen – nicht nur kurzfristigen Krisen – ausgeht und in einen fortwährenden Lern- und Anpassungsprozess mündet. Zugleich nimmt die Wirtschaftsförderung 4.0 den Impuls der derzeit rasch entstehenden Initiativen kollaborativen Wirtschaftens und anderer Formen kollektiver Produktion auf.

Der Hauptansatzpunkt der resilienten Regionalentwicklung liegt in einer Veränderung des Verhältnisses zwischen Eigen- und Fremdversorgung einer Region und in einer neuen Balance zwischen Nähe und Ferne. In einer reduktiven Moderne rücken regionale Handlungsverflechtungen und lokale Transformationen in den Vordergrund.

Sichtbarer Ausdruck einer wachsenden Orientierung auf die regionale Basis des Wirtschaftens und die Erhöhung des Grades der Selbstversorgung ist der Energiebereich, in welchem zahlreiche Kommunen und Regionen das Ziel der hundertprozentigen Eigenversorgung mit erneuerbaren Energien anstreben. […]

Einige Handlungsfelder zeigen Bereiche auf, in denen Produktion und Konsum zusammengeführt werden. Wenn Produzenten mit ihrer Produktion auch Teile des eigenen Bedarfs decken, werden sie zu »Prosumenten«. Dies gilt nicht nur für Ernährung und Energie, sondern trifft auch auf handwerkliche und technische Bereiche sowie Haushalts- und persönliche Dienstleistungen zu, in denen trotz fortschreitender Professionalisierung eine hohe Bereitschaft besteht, Dinge selbst herzustellen, die eigenen Fähigkeiten einzusetzen und Selbstwirksamkeit zu erfahren. […]

Wirtschaftsförderung und Regionalentwicklung gewinnen mit der Blickweitung auf Resilienz und reduktive Moderne eine Erweiterung ihrer Handlungsfelder hinzu, indem sie sich der Aufgabe stellen, die Produktions- und Konsumtionkreisläufe im räumlichen Bezug zu verändern. Aufgaben dieser Handlungsfelder lauten:

# Neue Wirtschaftsverflechtungen in der Region knüpfen

# Gezielt Lücken in den Wertschöpfungsketten schließen

# Kollektive Formen der Produktion anregen

# Tauschplattformen unterstützen

# Unternehmensgründungen auch im Bereich des kollaborativen Wirtschaftens anregen und durch Beratungs-, Vernetzungs- und Raumangebote unterstützen

# Offene Werkstätten anbieten

# Gemeinschaftsräume für Geräte und Werkstätten in Stadtteilen und Wohnblocks anregen

# Mischnutzungen und Zwischennutzungen als Wege der Gewerbeentwicklung und Kulturförderung etablieren

# Gewerbegebiete als Lebensräume attraktivieren durch Freiräume, Grünanlagen, Mobilitätsangebote, Fab-Labs etc.

# Urbane Gebiete als neue baurechtliche Möglichkeit zur Mischung von Wohnen und Gewerbe zielgerichtet einsetzen

# Neue Finanzierungsformen und Einbeziehung regionalen Kapitals entfalten

# Regionale Verrechnungssysteme zur Stärkung regionaler Wertschöpfungskreisläufe und zur Entfaltung von Tauschleistungen anbieten (von Zeitwährungen bis zum Regiogeld)

# Neue Wege des Regionalmarketings aktivieren (von regionalen Tauschplattformen über regionale Labels bis hin zu regionalen Verrechnungssystemen)

# Räumliche Konsequenzen mitdenken (Flächennachfrage, Möglichkeiten der Zwischennutzung, veränderte Logistik und Mobilität etc.)

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Der Überblick über die Phasen der kommunalen und regionalen Wirtschaftsförderung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland seit den 1950er-Jahren zeigt den Wandel der Tätigkeitsfelder. Immer wieder sind neue Aufgaben zur Wirtschaftsförderung hinzugekommen. Mal waren es Anstöße aus der Wissenschaft, mal waren es politische Veränderungen. Sodann haben Wirtschaftskrisen das Nachdenken über neue Instrumente angestoßen oder es waren Veränderungen der Gesellschaft und Initiativen aus der Gesellschaft heraus, welche neue Handlungsbedarfe wie neue Möglichkeitsfelder für die Wirtschaftsförderung auf lokaler und regionaler Ebene erschlossen haben.

Dabei ist es nicht so, dass die Instrumente der einen Phase jeweils von den neuen Instrumenten der nächsten Phase abgelöst werden. Vielmehr sind in den neuen Phasen neue Aufgaben hinzugekommen, während ältere Aufgaben an Bedeutung eingebüßt haben. Althergebrachte Aufgaben sind aber nicht verschwunden. Der Wettbewerb um Ansiedlungen mobiler Unternehmen und die Förderung von Neugründungen bestehen heute weiter als Felder neben den Aufgaben der Vernetzung im regionalen Wertschöpfungsraum.

Hinzu kommen nun nicht nur die Möglichkeiten der Digitalisierung, sondern auch die Perspektiven kollaborativen und kollektiven Wirtschaftens, die neue Potenziale für die Stadt- und Regionalentwicklung bieten.

Die systematische Förderung des kollaborativen und kollektiven Wirtschaftens ist ein Novum für die kommunale Wirtschaftsförderung. Dieselbe Grundintention verfolgen zugleich auch andere Konzepte, Bewegungen und Projekte, so etwa die Gemeinwohlökonomie. Sie alle zu diskutieren würde zu weit führen, wurde doch schon so viel dazu geschrieben. Erwähnen möchten wir sie jedoch, denn sie können und sollten durchaus Gegenstand einer innovativen und nachhaltigen Wirtschaftspolitik sein:

# Gemeinwohlökonomie mit gemeinwohlbilanzierten Unternehmen

# Collaborative Commons und die Null-Grenzkosten-Gesellschaft

# Die Transition-Town-Bewegung

# Sinn fürs Geschäft – Regionalstudie Leipzig

# Community Wealth Buildings – Modellprojekt Preston

# Wirtschaftsform der Neuen Arbeit, Neuen Kultur

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Die Transition-Town-Bewegung

Die Unzufriedenheit mit dem bestehenden Wirtschaftskonzept und dessen Abhängigkeit von Erdöl und dem prognostizierten Erdölfördermaximum hat 6. September 2006 in zur Gründung der Energiewende-Initiative »Transition Town Totnes« (Devon, Großbritannien; 8000 Einwohner) durch Rob Hopkins, Naresh Giangrande, ua. geführt und damit zum Beginn der Transition-Town-Bewegung, einem Zusammenschluss von Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen. Die Bewegung hat in Hunderten Städten und Gemeinden weltweit Anhänger gefunden – in Freiburg 2010 initiiert von Menschen aus Freiburg und Umgebung. »Transition Town Freiburg« wurde 2011 von Armin Bobsien, Otmar Donnenberg, Monica Lüers, Philipp Heist und Hannes Steinhilber gegründet.

Ziel ist, die Abhängigkeit von Wachstum und dem Verbrauch endlicher Ressourcen zu beenden. […]

nach:

Kopatz, Michael: Wirtschaft ist mehr! Wachstumsstrategien für nachhaltige Geschäftsmodelle in der Region. Das Buch zur Wirtschaftsförderung 4.0. 2021, Seite 29-54

www.wirtschaftsfoerderungviernull.de

Ergänzende Hinweise:

Euler, Johannes; Helfrich, Sike; Schlemm, Annette: »Commoning als Resilienzstrategie: Frei, fair und lebendig« In: Resiliente Zukünfte. Mut zum Wandel. Reihe: Politischen ökologie, Band 166. Jahrgang 2021, Heft 3, Seite 82-88. 18.11.2021. – https://www.oekom.de/beitrag/commoning-als-resilienzstrategie-frei-fair-und-lebendig-296

Antoni-Komar, Irene; Kropp, Cordula; Paech, Niko; Pfriem, Reinhard (Hrsg.): Transformative Unternehmen und die Wende in der Ernährungswirtschaft. Reihe: Theorie der Unternehmung. Band 72. Marburg: Metropolis Verlag. 2019. – https://www.metropolis-verlag.de/Transformative-Unternehmen-und-die-Wende-in-der-Ernaehrungswirtschaft/1347/book.do?pdf=1

Flieger, Burghard: Prosumentenkooperation. Geschichte, Struktur und entwicklungschancen gemeinschaftsorientierten Wirtschaftens in der ernährungswirtschaft am Beispiel der Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften. Reihe: Theorie der Unternehmung. Band 63. Marburg: Metropolis Verlag. 2016. – https://www.metropolis-verlag.de/Prosumentenkooperation/1239/book.do

Hopkins, Rob: Einfach. Jetzt. Machen! Wie wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen. München: oekom Verlag. 2014. – https://www.oekom.de/buch/einfach-jetzt-machen-9783865814586

Hopkins, Rob: The Power of just doing stuff. Cambridge: UIT. 2013.

Lietaer, Bernard; Arnsperger, Christian; Goerner, Sally; Brunnhuber, Stefan: Geld und Nachhaltigkeit. Von einem überholten Finanzsystem zu einem monetären Ökosystem. Ein Bericht des Club of Rome / EU Chapter. 2013.

Ostrom, Elinor; Helfrich Silke: Was mehr wird wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter. 2011.

Hopkins, Rob: Energiewende – Das Handbuch. Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen. Frankfurt am Main: Verlag Zweitausendeins. 2. Auflage. Februar 2010.

Habermann, Friederike: Halbinseln gegen den Strom. Anders leben und wirtschaften im Alltag. 2009.

Hopkins, Rob: Energiewende – Das Handbuch. Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen. Frankfurt am Main: Verlag Zweitausendeins. 1. Auflage. September 2008.

Bergmann, Frithjof; Friedland, Stella: Neue Arbeit kompakt. Vision einer selbstbestimmten Gesellschaft. 2007.

Schwarz, Fritz: Das Experiment von Wörgl. Ein Weg aus der Wirtschaftskrise. 2007.

Hopkins, Rob: The Transition Handbook. From oil dependency to local resilience. Totnes: Green Books. 2006.

Kennedy, Margrit; Lietaer, Bernard: Regionalwährungen. Neue Wege zu nachhaltigem Wohlstand. 2004.

Bergmann, Frithjof: Neue Arbeit, Neue Kultur. 2004.

Lietaer, Bernard: Das Geld der Zukunft: Über die zerstörerische Wirkung unseres Geldsystems und Alternativen hierzu. 2002.

Papke, Götz: Dauerhafte Arbeit. Neue Arbeit durch Selbstversorgung. Perspektiven der Erwerbs- und Eigenarbeit im ländlichen Raum unter besonderer Betrachtung der nachhaltigen Selbsthilfe. 2. Auflage, 1998.

Diefenbacher, Hans; Douthwaite, Richard: Jenseits der Globalisierung – Handbuch für lokales Wirtschaften. 1998.

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