Das Leben nach dem Wachstum

Ausgewachsen?

Das Leben nach dem Wachstum

von Richard Heinberg, 2011richard-heinberg-rob-hopkins-santa-rosa_2013

Den Entschluss, das Buch „The End of Growth“ zu schreiben, habe ich mit einiger Beklommenheit getroffen. Schließlich wird das Weltwirtschaftssystem zu einem großen Teil durch den Glauben und das Vertrauen zusammengehalten, dass es weiterhin wächst. Es ist Vertrauenssache, im wahrsten Sinn des Wortes. Ein Buch zu veröffentlichen, dessen Aussage lautet, dass Wachstum nicht mehr möglich ist (ausser in Einzelfällen), höhlt den Glauben, das Vertrauen und die Zuversicht aus die Investoren Geldgeber und Schuldner zu einem funktionierenden System verbinden. Es macht den Finanz- und Währungscrash wahrscheinlicher, und die Opfer eines solches Crashs wären nicht nur die Banker, sondern beinahe alle.

Hätte ich geschwiegen, könnten wir vielleicht Zeit für uns alle gewinnen. Aber es gibt keine Garantie, dass die gewonnene Zeit dafür verwendet würde, die in dem Buch „The End of Growth“ diskutierten Probleme zu lösen. Tatsächlich haben Regierungen und Zentralbanken bereits bereits Zeit gekauft – für mehrere Billionen Dollar -, aber trotzdem unternehmen sie nur sehr wenig, um unser Wirtschaftssystem so zu verändern, dass es in der Ära nach dem Wachstum funktionieren kann.

Unser kollektiver weltweiter Diskurs über Wirtschaft muss anders werden. Wir müssen darüber nachdenken und sprechen, wie wir uns auf das Ende des Wachstums vorbereiten. Ich weiß nicht, wie man dieses Gespräch anders in Gang bringen könnte als damit, dass unsere Wirtschaft in der derzeitigen Verfassung an den Umständen scheitern wird, die sich um uns herum entwickeln (Erschöpfung der Ressourcen und katastrophalen Umweltschädigung). Wenn schon die Politiker und die großen Medien nicht darüber sprechen wollen, dass das Wachstum zu Ende geht, damit sie sich auf das Kommende einstellen können. Das war der Grund für die Veröffentlichung.

Trotzdem sind Ironie und Risiko dabei. Die Strategien, die Einzelne anwenden sollten, um sich auf das Ende des Wachstums vorzubereiten (weniger konsumieren, Schulden abbauen, autarker werden), würden, wenn alle sie befolgten, die Erholung der Wirtschaft verhindern und uns tiefer in die Rezession führen.

Wenn die kurzfristigen Interessen der Wirtschaft in Konflikt geraten mit den langfristigen Interessen von Gemeinschaften, einer Mehrheit der Menschen und der natürlichen Welt, dann stehen wir vor einem Dilemma. In gewisser Weise ist das Dilemma nicht vollkommen neu (der Konflikt lag implizit Marx‘ Kritik am Kapitalismus zugrunde), aber es wird akut und ist schwieriger zu kaschieren. Den Konflikt zugunsten der Wirtschaft zu lösen hilft nichts, wenn Individuen, Kommunen und die Natur so gefährdet sind, dass das Wachstum sowieso nicht weitergehen kann – und genau in dieser Situation befinden wir uns. Den Konflikt ganz zugunsten der Individuen zu lösen geht auch nicht, wenn dadurch die soziale Bande, die die Wirtschaft zusammenhalten, massiv geschwächt werden: das heißt, wenn wir nur noch eine zufällige Ansammlung von sieben Milliarden Menschen sind und jeder für sich ums Überleben kämpft, ohne funktionierende Regierungen und Währungen. In dem Fall wäre das Ergebnis allgemeines Chaos, Konfusion und Leiden.

Irgendwie müssen wir uns individuell darauf vorbereiten, dass das Wachstum zu Ende geht (ein Prozess, der wahrscheinlich von wirtschaftlichen und politischen Unruhen begleitet sein wird), und gleichzeitig den sozialen Zusammenhalt aufbauen und bewahren sowie die Grundlage für eine neue Wirtschaft legen, die in einem Umfeld ohne Wachstum und ohne fossile Brennstoffe funktionieren kann. Das ist ziemlich viel verlangt, aber weniger wird nicht reichen.

Weitere Abschnitte: Prioritäten setzen. Transition Towns. Common Security Clubs. Die neue Wirtschaft bekannt machen. Wie könnte eine nachhaltige Gesellschaft aussehen? Ausblick.

In: Heinberg, Richard: Das Ende des Wachstums. Alte Konzepte – neue Realitäten. Manuscriptum Verlagsbuchhandlung. 2013, Seite 277-278.

 

 

Ergänzungen

 

# Rob Hopkins introduces Richard Heinberg. 2008.

Rob Hopkins, cofounder of the Transition Town Movement, introduces Richard Heinberg during the Positive Energy Conference at the Findhorn Ecovillage 2008.

 

# Raumschiff Erde. Teil 1: Der Treibstoff. 2016.

Ein Film von Kevin McMahon mit Richard Heinberg.

 

# Raumschiff Erde. Teil 4: Die Raumkapsel. 2016.

Ein Film von Kevin McMahon mit Richard Heinberg und Rob Hopkins.

 

# Raumschiff Erde. Teil 5: Die Besatzung. 2016.

Ein Film von Kevin McMahon mit Jørgen Randers.

 

# Wachstum – was nun? 2014.

Ein Film von Marie-Monique Robin mit Richard Heinberg (ab 7:36, 53:29, 1:07:01, 1:28:08), Tim Jackson (ab 27′; 34:26,…), Herman Daly, Rob Hopkins (ab 34′), Juliet Schor (ab 47:58), Dennis Meadows (ab 3:30; 48:28, 1:11:08,…), Thomas Greco (ab 38:35; 53:55, 1:31:56), Bernard Lietaer (ab 1:08:25), Niko Paech (1:15:27), ua. bei arte.

 

# Perspektiven der politischen Ökonomie in der(n) Krise(n) des Kapitalismus. 2014.

Ein Vortrag von Elmar Altvater am 24.01.2014.

 

# Weniger ist mehr. Die Grenzen des Wachstums und das bessere Leben. 2013.

Ein Film von Karin de Miguel Wessendorf mit Rob Hopkins und Transition Town Totnes (ab 29:42), Niko Paech (ab 42:30) bei arte.

 

# Das große Spiel um Macht und Öl. 2012.

Ein Film von Alexandre Trudeaux, arte 2012.

 

# Wachstum oder radikale Wende? Eine Synthese. 2012.

Ein Vortrag von Birgit Mahnkopf bei der Sommerakademie der Grünen Bildungswerkstatt 23.-25. August 2012.

 

# Dennis Meadows in der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“. 2011.

Dennis L. Meadows (Ökonom) vor der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestags am Montag, 24. Oktober 2011 äussert sich pessimistisch, was die Chancen zur Umsetzung entsprechender Reformen angeht. Der fortschreitende Klimawandel, die Verknappung der Ressourcen oder der wachsende Gegensatz zwischen Arm und Reich lehrten, dass es für eine „nachhaltige Entwicklung eigentlich schon zu spät ist“. Der emeritierte Professor warf Politik wie Bürgern vor, vorwiegend an kurzfristigen Vorteilen statt an langfristigen Erfordernissen interessiert zu sein. Co-Autor der Studie „Grenzen des Wachstums. 1972“.

# Richard Heinberg: Why end of growth can mean more happiness. 2011.

 

# Kampf ums schwarze Gold. Geht unser Erdölzeitalter zu Ende? 2011.

Ein Film von Volker Barth und Susanne Richter.

 

# Peak Oil Irrtum? 2015.

Ein Gepräch mit Hans-Joachim Zillmer. 2015.

 

# Abiogenes Gas und Öl. Die unerschöpfliche Energiequelle? 2015.

Ein Vortrag von Hans-Joachim Zillmer am 14.03.2015.

 

# Fossil Fuel Irrtum? 2014.

Ein Vortrag von Konstatin Meyl.

 

# Peak Oil. Vortrag von Christoph Senz und Norbert Rost. 25.10.2011

Anläßlich der Studie „Peak Oil – Herausforderung für Sachsen“ fand am 25.10.2011 ein Vortragsabend im Stadtteilhaus Dresden Neustadt statt.
Das Video zeigt die zwei Vorträge, von Christoph Senz, Geologe, PFI, ASPO und Norbert Rost, Wirtschaftsinformatiker, Büro für postfossile Regionalentwicklung, PFI. Organisiert wurde der Abend von der sächsischen Landtagsfraktion Bündnis90/Die Grünen.
Kernfrage war: Geht das Zeitalter des billigen Erdöls zuende? Wie ist die sächsische Wirtschaft darauf vorbereitet?

 

# „Prosperity without Growth“. Interview with Tim Jackson. 2010.

 

# Das Ölzeitalter. Arte 2010.

 

# Bis zum letzten Tropfen – Vom Ende des Öls.

Ein Film von Matthias Sdun und Jürgen Webermann. NDR 2009.

 

# Das Ende dieser Periode und der Anfang einer neuen Periode.button_nank_fellow

 

Ein Interviewausschnitt mit Frithjof Bergmann (NeueArbeit-NeueKultur) 2009.

 

 

 

# Was passiert, wenn das Erdöl knapp wird (PeakOil)? 22.08.2008

Daniele Ganser im Radiointerview mit dem Sender DRS 2.

 

# Richard Heinberg – Resilient Communities. 2008.

Richard Heinberg, author of The Party’s Over, Power Down, & Peak Everything, delivers his latest thoughts and strategies for dealing with Peak Oil and Climate Change at the Positive Energy Conference at the Findhorn Ecovillage.

 

# Das Jobsystem nicht weiter päppeln, stattdessen die Arbeit anders denken.

Ein Interviewausschnitt mit Frithjof Bergmann (NeueArbeit-NeueKultur) 2008.button_nank_supporter

 

# Work in transition.

Ein Interviewausschnitt mit Frithjof Bergmann (NewWork-NewCulture) 2008.

 

# Ein böses Erwachen. Der Oelcrash. 2007.

Der Klimawandel ist in aller Munde, die Ölvorräte machen dagegen nur Schlagzeilen, wenn es einen vorübergehenden Lieferengpass gibt, der den Preis hochtreibt. Mit der dramatischen Aussicht auf ein absolutes Ende des Erdölzeitalters beschäftigt sich nun dieser brisante Dokumentarfilm von Basil Gelpke und Ray McCormack aus dem Jahr 2007.

 

# Die post-fossile Welt. 2005.

von Jörg Schindler bei Tage der Utopie 2005

Eine Aufzeichnung der Vorträge der Tage der Utopie aus dem Jugend- und Bildungshaus St. Arbogast (Vorarlberg). In einer Kooperation mit der Wirtschaftskammer Steiermark wurden die Vorträge live in das Bildungshaus KB5 in Kirchbach übertragen.

Die Entwicklung ist klar: In den jetzt kommenden Jahrzehnten wird es zu einem tiefgreifenden Wandel unseres Energiesystems kommen: Vom Öl und Uran zu … ? Zugleich ist in den Industrieländern der wirtschaftliche Durchbruch erneuerbarer Energieträger und kraftvoller Effizienzsteigerungsmaßnahmen nicht in Sicht. Jörg Schindler ist einer der ersten Experten im deutschsprachigen Raum für Erneuerbare Energieträger und Neue Verkehrssysteme. Darüber hinaus ist er ein ausgewiesener Spezialist für die Frage nach der Verfügbarkeit fossiler Energieträger. Er arbeitete u.a. auf den Gebieten Wasserstoff und Brennstoffzellen, Alternative Antriebe und Kraftstoffe.

 

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