GemeinGüter machen

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Gemeingüter sind nicht, sie werden gemacht.

Ressourcen sind frei. Sie kennen kein Eigentum und keine Staatsgrenze. Ressourcen wissen nicht, ob wir sie zum Leben brauchen oder nicht. Wir hingegen sind in der einen oder anderen Weise an diese Dinge gebunden: an Grenzen, an Eigentum und – vor allem – an die Ressourcen selbst.

Das alte Wort für Gemeingüter, »Allmende«, hat diese Bedingung für uns bewahrt, denn »Allmende« setzt sich zusammen aus all(e) + gemeinde, so glauben die Sprachhistoriker. Der Begriff erfasst damit den Kern der Auseinandersetzung mit den Gemeingütern: Alle, die zu einer bestimmten Gemeinschaft gehören und Ressourcen gemeinsam nutzen, müssen sich darüber verständigen, wie sie das tun. Regeln der Ressourcennutzung zu vereinbaren und deren Einhaltung zu kontrollieren, ist alles andere als als ein Kinderspiel. Wie komplex es ist, funktionierende Institutionen für Gemeingüter aufzubauen, beschreibt Elinor Ostrom in dem Buch „Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter“ sehr konkret. Komplexität, so erklärt sie immer wieder,  ist aber etwas anderes als Chaos. Ostrom hat in den 40 Jahren bis 2011 die Welt durchkämmt und unzählige Beispiele kennengelernt, wie es Menschen gelingt, kollektive Ressourcen miteinander zu nutzen und sie dabei zu erhalten. Und wie es misslingt…

[…]

Die Gemeingüter machen Karriere. So würde man in der Sprache des Wettbewerbs vermutlich sagen. Tatsächlich ist die Wiederentdeckung der Gemeingüter in vollem Gange. Kennen Sie das Mietshäusersyndikat oder die Mundraubinititive? Wissen Sie vom Boom der urbanen Gärten, in Hamburg und Leipzig oder in den Großstädten Chinas? Freut auch Sie die Vielzahl freier Lizenzen, deren millionenfache Anwendung die Wissensallmende täglich bereichert? Haben Sie sich schon von inspirieren lassen von der Transition-Town-Bewegung, den Beteiligungsmodellen im Energiebereich (hin zu mehr Energieautonomie) oder von Open-Herdware- und Open-Design-Projekten? Sie alle entsprechen dem Grundgedanken moderner Gemeingüter: das Leben in die eigenen Hände nehmen, im Bewusstsein darüber, dass der eigene Vorteil auch auf dem Vorteil der anderen beruht.

Gemeingüter ganz praktisch herzustellen und zu pflegen, kostet viel Kraft, Energie und Kommunikation. Viel Arbeit wird erforderlich sein, um ihnen zum gesellschaftlichen Durchbruch zu verhelfen…

 

 

About Jörg Beger

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  • Jörg Beger

    2. Juli 2018 at 22:42

    Die Krise der Ökonomie, der Ökologie und der Gerechtigkeit verlangt einen Systemwechsel. Während die Regierung Zeit und Geld verschwendet, keimen an vielen Orten Ansätze für die Umorientierung zu einem ökologisch-sozialen Wirtschaften. Es ist kein Zufall, dass der Wirtschaftsnobelpreis 2009 Elinor Ostrom verliehen wurde, der Vordenkerin der Gemeingüter-Ökonomie.

    Die Krisen schärfen das Bewusstsein für die Existenz und die Bedeutung von Gemeingütern: materielle, natürliche Ressourcen ebenso wie immaterielle, intellektuelle Ressourcen, die als Gemeinschaftsbesitz Grundlage unseres Wohlstandes sind.

    Rund 60 Prozent der Erdoberfläche und damit ein Großteil aller natürlichen Gemeingüter werden von Land- und ForstwirtInnen genutzt und verwaltet. Klima, biologische Vielfalt, Boden-, Wasser- und Lebensmittelqualität, der Erhalt von Kulturlandschaft hängt von ihnen ab. Ernährungskrise und Klimawandel, Patentierung von Saatgut und DNA und Privatisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse zeigen die zentrale Rolle von Land- und Forstwirtschaft beim Schutz von Gemeingütern.

    Die Diskussionsstränge sind:
    * Was steckt hinter dem Konzept der Gemeingüter?
    * Was ist der Zusammenhang zu Wachstum, Wohlstand und zum Green New Deal?
    * Welche Rolle kommt der Landwirtschaft bei der Auseinandersetzung um Gemeingüter zu?
    * Wie können Zugangs-, Nutzungs- und Teilhaberechte geregelt werden?
    * Wie können Gemeingüter gestärkt werden?
    * Taugt Privatisierung zum Erhalt gefährdeter Gemeingüter?
    * Tun sich neue gesellschaftliche Allianzen zum Schutz von Gemeingütern auf?

    Mit:

    Silke Helfrich, Bildungsreferentin und Publizistin, gab 2009 „Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter“ heraus und betreibt das deutschsprachige Blog http://www.commonsblog.de. Sie kommt aus der (entwicklungs-)politischen Bildungsarbeit und war 1999-2007 Leiterin des Regionalbüros Mittelamerika der Heinrich-Böll-Stiftung.

    Benny Härlin leitet seit 2002 das Berliner Büro der Zukunftsstiftung Landwirtschaft; er ist Initiator der Initiative Save Our Seeds gegen Gentechnik im Saatgut und der Aktion Golden Bantam. Er vertrat 2004-2008 Nichtregierungsorganisationen im Aufsichtsrat des Weltagrarberichts und ist Mitglied der International Commission on the Future of Food.

    und Kommentaren von

    Christian Hiß, Vorstand der Regionalwert AG — Bürgeraktiengesellschaft in der Region Freiburg,

    Franz Heidhues, Professor für Entwicklungstheorie und ländliche Entwicklungspolitik an der Universität Hohenheim und

    Gesa U. Schönberger, Memorandum Lebens-Mittel, Denkwerk Zukunft und Geschäftsführerin Wild-Stiftung

    Moderation:

    Vera Gaserow, Journalistin (taz, ZEIT, Frankfurter Rundschau)

    Do, 24. Juni 2010, 18.30 Uhr Universität Hohenheim bei Stuttgart

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