Der Abgesang auf das Erdöl ist verfrüht

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von Gerald Hosp in Neue Zürcher Zeitung (NZZ) am 16.9.2020

«Big Oil» ganz klein: Einst galten die grossen Erdölkonzerne als allmächtige Geldmaschinen. Diese Zeiten sind vorbei. Exxon Mobil, einst das Sinnbild der Branche, wurde symbolträchtig aus einem Börsenindex ausgemustert. Warum das Erdölzeitalter dennoch nur schleichend vorbeigeht.

«Big Oil» ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Der britische Konzern BP möchte seinen prestigeträchtigen Hauptsitz im Londoner Geschäfts- und Regierungsviertel St. James’s verkaufen, und der Konkurrent Royal Dutch Shell kürzte vor kurzem die Dividende – erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg. Gegenüber den Aktien von Windenergie- und Solarunternehmen hatten die Wertpapiere der Produzenten fossiler Brennstoffe im vergangenen Jahr das Nachsehen. […]

Wegen des Zerfalls des Erdölpreises durch die Corona-Krise nahmen einige Unternehmen milliardenschwere Abschreibungen vor und revidierten die Prognose für den längerfristigen Preis nach unten. […]

Die Vorstellung der Allmacht von «Big Oil» stammt aus der Zeit der «sieben Schwestern»: Bis in die 1970er Jahre beherrschten Exxon, Shell, British Petroleum (BP), Mobil, Chevron, Gulf Oil und Texaco den globalen Erdölmarkt. Diese Zeiten sind längst vorbei. Erstens deshalb, weil die einstigen Giganten heute Zwerge sind im Vergleich mit den Staatsunternehmen in Saudiarabien, Venezuela, Russland, Kuwait oder Iran, sowohl bei den Ölreserven als auch der Förderung. Der wertvollste Erdölkonzern der Welt ist das saudische Staatsunternehmen Saudi Aramco. Zweitens verlieren die westlichen Erdölunternehmen ihre Relevanz für Investoren. Dies nicht so sehr, weil keine fossilen Brennstoffe mehr konsumiert werden, sondern weil die Branche aufgrund der Umweltprobleme und der verhaltenen Reaktion der Unternehmen für viele Investoren unattraktiv geworden ist. Im Jahr 2008 betrug der Anteil der Erdöl- und Erdgasfirmen am amerikanischen Börsenindex S&P 500 noch 16%, jetzt sind es weniger als 3%. Dies hängt auch mit dem enormen Wertzuwachs der Technologiefirmen zusammen. Das grosse Problem dahinter ist, dass für «Big Oil» die Kapitalkosten steigen. Dadurch werden Investitionen teurer.

Das Dilemma, dem die Energiebranche und die gesamte Gesellschaft gegenüberstehen, besteht darin, dass trotz aller Rhetorik die Nachfrage nach Öl, Gas und Kohle immer noch gross ist. Erdöl war laut Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) im Jahr 2018 weiterhin die grösste Primärenergiequelle. Wissensgesellschaft und Digitalisierung bedeuten in hohem Masse eine Elektrifizierung unseres Lebens, dadurch steigt der Energiebedarf. Prognosen für den Energieverbrauch im Jahr 2040 oder später verweisen darauf, dass die Nachfrage nach Erdöl und Erdgas beträchtlich bleiben könnte. Die IEA geht davon aus, dass die fossilen Brennstoffe noch rund 60% (derzeit 81%) zum globalen Energiemix beitragen könnten, selbst wenn die Pariser Klimaziele erreicht werden. Im jüngsten «Energy Outlook» von BP geht das Unternehmen hingegen davon aus, dass die Nachfrage nach Öl ihren Höhepunkt 2030 (Status-quo-Szenario) haben wird oder gar schon hatte. Im extremsten Szenario geht die Erdölnachfrage bis 2050 um rund 80% zurück.

Solche Langzeitprognosen sind freilich mit grosser Unsicherheit befrachtet. Erdöl dürfte vor allem für längere Zeit noch Flugzeuge, Schiffe und Lastwagen antreiben sowie zur Plastikerzeugung verwendet werden. Der britische Energieökonom Dieter Helm sieht aber auch hier den technischen Fortschritt am Werken: Der Verkehr werde elektrifiziert, und der Petrochemie werde durch neue Materialien wie Graphen das Leben schwergemacht. Sein Fazit: Für Erdöl wird es eng. […]

Energiepolitik muss die Forderungen nach Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit unter einen Hut bringen. Die Kosten für erneuerbare Energien wie Solar- und Windstrom sind in der vergangenen Zeit stark gefallen, so dass Subventionen zurückgefahren werden könnten. Mitunter sind die erneuerbaren Energien bereits in einer engen Betrachtung wettbewerbsfähig gegenüber konventionellen Energiegütern. Das grosse Problem ist aber, dass die Sonne nicht immer dann scheint oder der Wind gerade dann weht, wenn dies nötig wäre. Vielmehr kommt es zu grossen Schwankungen je nach Wetter und Tageszeit. Das stellt das Stromsystem und die Versorgungssicherheit vor Herausforderungen und macht eine Energiewende wie in Deutschland teuer.

Grosstechnische Lösungen zur Speicherung von überschüssigem Strom aus erneuerbaren Energien fehlen noch. Deshalb braucht es Energieformen, die die Grundlast gewährleisten. Dies könnte die Atomkraft sein, was in vielen westlichen Ländern derzeit aber auf wenig Gegenliebe stösst. Oder es wird – wie jetzt in grossem Masse – auf fossile Brennstoffe wie Erdgas oder Kohle zurückgegriffen. […]

Wenn man den Blick zudem von den westlichen Unternehmen auf die Petro-Staaten richtet, erkennt man die grössten Probleme: Für Saudiarabien, Russland oder Venezuela besteht nicht mehr die Gewissheit, dass in Zukunft der Ölpreis steigen wird. Lange Zeit mussten sich Ölscheichs bloss überlegen, ob sie den Rohstoff im Boden lassen oder ob sie lieber das Geld auf dem Konto haben wollten. Je erfolgreicher nun aber die Energiewende voranschreitet, desto mehr Öl werden die Produzenten fördern, um die Einnahmen stabil zu halten – was wiederum zu niedrigeren Preisen führt. Gleichzeitig werden die Interventionen und die Aushebelungen des Marktes zunehmen, um die Preise oder die eigene Marktposition zu stützen. […]

Der Wechsel vom Pferd auf Pferdestärken brachte eine neue Welt mit sich. Die Verwerfungen, die die «grüne» Energiewende mit sich bringt, dürften grösser sein, weil zwar das Ziel klar sein mag, die Mittel aber nicht. Die Politik versucht zu zwängen und zu drängen, ohne tatsächlich die Kostenwahrheit zwischen den Energieformen zu berücksichtigen. Dennoch zieht das Erdölzeitalter nur schleichend ab. Bereits der Energie-Vordenker Vaclav Smil stellte einen Widerspruch in der Energiedebatte fest: Während gegenüber der Kraft technischer Innovationen ein chronischer Konservativismus bzw. ein Mangel an Vorstellungskraft vorherrsche, seien die Erwartungen an neue Energiequellen wiederholt übertrieben.

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