Graswurzelbewegte Transition Towns

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Angesichts der heraufziehenden Bedrohungen für Energie und Umwelt, die ich in diesem Buch beschrieben habe, liegt es auf der Hand, was nötig ist: Wir brauchen eine »Graswurzelbewegung«, die die Menschen über die Herausforderungen unterrichtet und ihnen hilft, Strategien zu entwickeln, um ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren. Die Bewegung sollte zum Ziel haben, die Resilienz (Widerstandsfähigkeit, Toleranz gegenüber Störungen; Anmerkung des Übersetzers) einer Gemeinde zu stärken, indem sie ihre speziellen Stärken und Schwächen aufdeckt. Idealerweise sollte die Bewegung ihre Sicht der Zukunft in positive, einladende Begriffe kleiden. Sie sollte sich bemühen, Gemeinschaftsgeist zwischen Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Interessen aufzubauen. Die Bewegung sollte zwar lokal verankert sein, könnte aber durch lose Koordination über nationale Knotenpunkte und ein globales Informationszentrum ihre Effizienz steigern. Zur Arbeit lokaler Gruppen sollte es auch gehören, praktische Fertigkeiten zu vermitteln wie die Erzeugung und Lagerung von Nahrungsmitteln, Isolierung von Wohnungen und die Entwicklung und Verwendung von Technologien zur Energieeinsparung. Die Bewegung sollte nicht autoritär sein, sondern effizient arbeiten und dabei die Teilnehmer in wirkungsvollen, integrierenden Methoden der Entscheidungsfindung schulen.

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Das klingt vielleicht ziemlich anspruchsvoll. Aber eine solche Bewegung gibt es bereits. Sie heißt Transition-Initiativen (Energiewende-Initiativen); Kommunen, die eine solche Initiative haben bezeichnen sich als Transition Towns (Energiewende-Städte; Anmerkung des Übersetzers). Die »Wende«, auf die sich der Begriff bezieht, ist die Abkehr von unserer wachstumsbasierten, durch fossile Brennstoffe getriebenen Wirtschaft hin zu einer künftigen Wirtschaft, die nicht nur nachhaltig ist, sondern auch erfüllend und bereichernd für alle Beteiligten.

Die Wende-Initiativen wurden 2005 in Großbritannien von dem Permakultur-Lehrer Rob Hopkins initiiert. In seinem Transition Handbook (deutsch Energiewende – Das Handbuch) erzählt er, wie er auf diese Strategie kam, und gibt ein Reihe nützlicher Empfehlungen für Gruppen. Fast aus dem ganzen Buch sprich unerschütterlicher Optimismus:

»Natürlich können die Energiewende-Initiativen die Probleme von Peak Oil und Klimawandel nicht im Alleingang lösen. Regierungen und Wirtschaft müssen auf allen Ebenen Vorschläge einbringen, um einen vernünftigen Plan im nationalen Rahmen zu ermöglichen. Aber ohne ein allgemeines Gefühl der Hoffnung, ohne Begeisterung und die Bereitschaft, etwas Neues zu wagen, werden alle von oben verordneten Maßnahmen letztlich an der abwartenden und skeptischen Haltung der Bevölkerung scheitern … Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, wieder resilient zu werden und sogar einen wirtschaftlichen, kulturellen und spirituellen Aufschwung zu bewirken: neue Konzepte zur Gesundheitsfürsorge, Wiederentdeckung lokaler Baustoffe für die Errichtung energieneutraler Gebäude, neue Formen der Abfallwirtschaft.«

Hopkins bezeichnet die Transition-Bewegung vorsichtig als ein »Forschungsprojekt«. Und auf der Transition-Website schließt er launig jede Erfolgsgarantie aus, weil das, was hier versucht werde, noch nie zuvor versucht worden sei:

  * Wir wissen wirklich nicht, ob es funktionieren wird. Transition ist ein soziales Experiment in großem Maßstab. Von Folgendem sind wir überzeugt:

 * Wenn wir warten, bis die Regierungen handeln, wird es zu wenig und zu spät sein.

 * Wenn wir als Einzelne handeln, wird es zu wenig sein.

 * Aber wenn wir als Kommunen handeln, könnte es genug sein und gerade rechtzeitig.

Hopkins lebt in der Kleinstadt Totnes im Südwesten von England; Totnes mit seinen 7444 Einwohnern ist die Transition Town, die bei der Energiewende bereits die meisten Fortschritte gemacht hat. Nach der erfolgreichen »Entfesselung« von Transition Totnes im Jahr 2006 verbreitete sich die Idee rasch (allerdings scheint das Tempo im letzten Jahr ein wenig nachgelassen zu haben). 2011 gab es 450 anerkannte Transition-Initiativen in mehr als 30 Ländern, rund 80 davon in den Vereinigten Staaten (rund 150 neue Gruppen sind dort im Entstehen). Ein Team von Trainern reist um die Welt und hilft dabei, Initiativen auf den Weg zu bringen; Tausende von Menschen in über einem Dutzend Ländern haben an den zweitägigen Kursen teilgenommen.

Auf Whidbey im Bundesstaat Washington gehören zur lokalen Transition-Initiative die Local Economy Action Group (eine kommunale Denkfabrik, die sich damit beschäftigt, wie man eine nachhaltige Wirtschaft aus Whidbey Island errichten kann), eine Clean Energies Cooperative (die sich auf Transport mit alternativen Treibstoffen konzentriert), eine Whidbey Citizen Climate Lobby, eine Local Food Action Group (mit Untergruppen, die die Nahrungsmittelressourcen der Insel registrieren, überschüssige Erzeugnisse sammeln und verteilen und Bäume schneiden, damit sie mehr Ertrag bringen), eine Diskussionsgruppe über alternative Bauweisen, die sich alle zwei Wochen trifft, und eine Unterstützungsgruppe für Menschen, die sich darüber austauschen wollen, welche Auswirkungen die Wirtschaftskrise für sie hat.

Es gibt Grenzen und Hindernisse für die Transition-Strategie. Im schlimmsten Fall wird die Bewegung zu einem weiteren Tummelplatz für linke Spinner und alternde Hippies. Doch Hopkins betont, daß Transition etwas ganz anderes sein muß, damit die Bewegung Erfolg hat: Es muß um praktische Fragen gehen, die mit Infrastruktur und alltäglichen wirtschaftlichen Problemen zu tun haben. Kürzlich hat er in einem Aufsatz geschrieben:

»Die für eine stärker lokal ausgerichtete und widerstandsfähigere Zukunft erforderliche Infrastruktur – die Energiesysteme, die Fabriken, Nahrungsmittelsysteme und Schlachthöfe – wurde in den letzten 50 Jahren beseitigt, weil das Öl es möglich machte, billiger in immer größeren Dimensionen zu arbeiten, und die Wiederherstellung wird nicht zufällig passieren. Alle Systeme müssen wirtschaftlich sein, von den Kommunen getragen, im Besitz und betrieben von Menschen mit entsprechenden Fähigkeiten und miteinander vernetzt.«

Hopkins fährt fort mit einer Auflistung der verschiedenen Infrastrukturelemente, die nötig sind, damit eine Wirtschaft auf der Ebene einer Stadt funktionieren kann. Die Transition-Bewegung sieht zumindest, was gebraucht wird, auch wenn sie der Aufgabe noch nicht voll gewachsen ist.

 

 

Heinberg, Richard: Transition Towns. In: Derselbe: Das Ende des Wachstums. Alte Konzepte – neue Realitäten. 2013, Seite 280-283.

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