Vortrag auf der Frühlingstagung des Regionalen Aufbruchs

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Vortrag: „Transition Town: dörfliche Strukturen in der Stadt?“

Frühlingstagung des Regionalen Aufbruchs, 22. April 2012, Restaurant Cum Laude, Berlin

Vortrag und Bericht: Denis Blümel

Wenn schon Berlin, dann richtig: Zu Beginn meines Wochenendausflugs in die Hauptstadt holte ich mir Inspiration in einem der  vielen interessanten Berliner Gartenprojekte und stattete dem Prinzessinnengarten am Moritzplatz einen Besuch ab. Die Idee der mobilen urbanen Landwirtschaft sowie die ökonomische Tragfähigkeit des Projektes sind Komponenten, die mich neben der Kreativität und Liebe, mit der die GärtnerInnen ihr kleines Paradies pflegen, nachhaltig beeindrucken.

Bereits begeistert von den Freitags- Vorträgen des Berliner Innovationskreises über die Initiative „Sicherung landwirtschaftlicher Familienbetriebe“  erfuhr ich dann am Samstag auf der Frühlingstagung des Regionalen Aufbruchs mehr über spannende Themen wie „Blue economy“, „Community Supported Agriculture“  und Biomarken im Supermarkt. Am Sonntag hieß es dann, meine eigenen Erfahrungen über die Transition Town- Bewegung und das Urbane Gärtnern in Freiburg zu teilen. Im Anschluss an die Präsentation über Herstellungs- und Nutzungsmöglichkeiten der Terra Preta in Deutschland begann ich meinen Vortrag „Transition Town- dörfliche Strukturen in der Stadt?“.

Mit dörflichen Strukturen meine ich hier regionale Strukturen, die sich durch Kooperation, Subsidiarität, Subsistenzwirtschaft, geschlossene Kreisläufe und dadurch einen höheren Grad an Resilienz auszeichnen. Ich beleuchtete, wie die Transition Town- Bewegung auf ihre Art versucht, die Vorteile dörflicher und städtischer Strukturen zu kombinieren- letzere gekennzeichnet durch Vielfalt, Schnelllebigkeit, Innovations- und Veränderungspotenzial:

Die Transition Town- Bewegung hat sich aus dem Bewusstsein über die großen Herausforderungen unserer Zeit heraus entwickelt (Peak Oil, Klimawandel, Wirtschaftskrisen, Fair Share). Als eine mögliche Antwort auf diese Herausforderungen einerseits, durch den permakulturellen Hintergrund und die Einflüsse aus Tiefenökologie, Systemtheorie, Gaia- Hypothese, Resilienzforschung etc. andererseits liegt ihr Fokus darauf, unter der Prämisse der Verbundenheit allen Lebens dieser Erde den Grad an Resilienz durch eine Lebensweise des Menschen im Einklang mit der übrigen Natur zu erhöhen. Spielt man den Gedanken der Resilienz in den verschiedenen Lebensbereichen bis zum Ende durch, kommt man automatisch zu bestimmten Kriterien für eine gesunde Gesellschaft, die uns aus den verschiedensten Kulturen der Welt sowie von natürlichen Ökosystemen bekannt sind: Kooperation, Vielfalt, Autopoiesis, Autarkie, Multifunktionalität, Flexibilität, Wechselwirkung, positive Rückkopplung, Membranfunktion, Anpassungsfähigkeit, Verbindung zwischen Innen und Außen etc. Diese Kriterien versucht die Transition Town Bewegung konkret umzumünzen. Im Bereich Ökonomie bspw. sind regionale Komplementärwährungen oder die Schaffung von Commons mögliche Instrumente, im Energiebereich u.a. erneuerbare Energien und dezentrale, bürgereigene Stromerzeugung, im Bereich Nahrungsmittelerzeugung wären CSA zu nennen.

Und es scheint zu funktionieren: Bereits sechs Jahre nach den ersten beiden Transition Towns in Kinsale und Totnes gibt es weltweit über 400 offizielle Transition Town- Initiativen. Das ganzheitliche Denken, die umfassende und positive Vision sowie die Möglichkeit, den gesellschaftlichen Herausforderungen mit sinnvollem Tun zu begegnen wirken offensichtlich für viele Menschen als Attraktoren.

Auch in Freiburg fallen die Ideen der Transition Town- Bewegung auf fruchtbaren Boden: bereits ein Jahr nach der Gründung existieren 6 Untergruppen sowie einige Kontakte zu ähnlich denkenden Vereinen und Organisationen. Denn dies ist angesichts des großenteils schon vorhandenen Bewusstseins wohl der springende Punkt in unserer Stadt: die Vernetzung der bereits bestehenden Gruppen und Initiativen. Als aktuelle Herausforderung für TT Freiburg stellte ich den Übergang vom bisherigen Anfangsstadium der Initiative in eine professionellere Phase heraus.

Auch die Gruppe Urbanes Gärtnern kann mit Stolz auf ihre einjährige Geschichte zurückblicken: Es scheint, als sei die Zeit reif für das Gärtnern in der Stadt. Viele Interessierte halfen mit, Baumscheiben zu bepflanzen, Pflanzentauschbörsen zu organisieren, Balkongärtnerworkshops zu geben oder sich um die regionale Vernetzung zu kümmern. Das Ziel der Gruppe ist auf der einen Seite, die Resilienz der Stadt durch Selbstversorgung à la Havanna zu erhöhen, auf der anderen Seite mit dem Urbanen Gärtnern als Vehikel zu einem Bewusstseinswandel mit mehr Wertschätzung für die Natur und Kooperation mit ihr sowie untereinander zu sorgen. Masanobu Fukuoka drückt es auf seine Weise aus: „The ultimate goal of farming is not the growing of crops, but the cultivation and perfection of human beings.“ Weitere positive Nebeneffekte wie ästhetische Aspekte, Eigeninitiative, Kreativität und das Lernen eines zeitlosen Wissens machen das Urbane Gärtnern zu einer bereichernden Angelegenheit mit einer gehörigen Portion Spaß.

Dies also ist der Ansatz der Transition Town- Bewegung, die Vorteile dörflicher und städtischer Strukturen zu etwas gesunden Neuen zu kombinieren. Doch es stellt sich die Frage, ob dadurch wirklich ein Wandel möglich wird, ob tatsächlich ein konkreter Unterschied auf einer genügend großen Skala erreicht werden kann, der angemessen scheint im Hinblick auf die Herausforderungen unserer Zeit. Waren diese Ideen denn nicht alle schon einmal da, und doch hat sich nichts getan?

Es gibt eine einschüchternde Fülle an Theorien über Veränderungsprozesse und gesellschaftlichen Wandel. Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema stieß ich auf vier scheinbar gegensätzliche Auffassungen, wie gesellschaftlicher Wandel möglich sei. Auf der einen Seite behauptet Richard Buckminster Fuller: „Man schafft niemals Veränderung, indem man das Bestehende bekämpft. Um etwas zu verändern baut man neue Modelle, die das Alte überflüssig machen.“ Andere sind auf der anderen Seite der Ansicht, jeder drastischen Veränderung gingen Situationen dramatischen Verfalls voran. Wieder andere meinen, nur durch die Erzielung eines politischen Mandates kann auf die Gestaltung der Rahmenordnung erfolgreich eingewirkt werden. Und zu guter Letzt sagte Ernst Ulrich von Weizäcker während seiner Rede in Freiburg: „Ich bin davon überzeugt, dass Leute wir Rob Hopkins mit seinen Transition Towns viel mehr bewirken als die Konferenz in Rio.“

Schaut man sich jedoch bestimmte Entwicklungen in der Vergangenheit genauer an, wird klar, dass es jeweils eine spezifische Mixtur aus diesen unterschiedlichen „Wandel- Komponenten“ war, die zur Veränderung führte. War es in Deutschland die selbstorganisierte Anti- Atom- Bewegung sowie Katastrophen in Tschernobyl und Fukushima, die zum Ausstieg aus der Atomkraft führten, war es in Kuba der Zusammenbruch der Sowjetunion, der dazu zwang, die Landwirtschaft größtenteils von Agrarindustrie auf Subsistenzwirtschaft umzustellen.

Möchte man die Wirklichkeit nun in ein theoretisches Modell verpacken, um eine Anleitung für zukünftige Veränderungsprozesse in der Hand halten zu können, könnte dies z.B. so aussehen (frei nach Klaus Holzkamp, vgl. hier) :

  1. Keimphase: Eine neue Funktion oder Idee wird geboren, ohne bereits komplett ausdifferenziert zu sein. In vereinzelten Nischen fängt sie langsam an, sich zu verbreiten.
  2. Krisenphase: Das umfassende System gerät in eine Krise. Nur so hat die neue Funktion oder Idee die Chance, ihre Nische zu verlassen.
  3. Funktionswechselphase: Die neue Funktion oder Idee bekommt ein doppeltes Gesicht: auf der einen Seite wird sie vom vorherrschenden System zu dessen Reproduktion und Erhaltung genutzt, auf der anderen Seite ihre Logik mit der Logik dem dominanten Systems eigentlich inkompatibel.
  4. Dominanzwechselphase: Die neue wird zur vorherrschenden Funktion oder Idee, das alte System wird in Randbereiche zurückgedrängt. Das ganze System hat nun qualitativ seinen Charakter geändert.
  5. Umstrukturierungsphase: Die Grundstruktur hat sich verändert, die Logik der neuen Funktion oder Idee sickert langsam in alle Bereiche der Gesellschaft.

Nach diesem Modell übernimmt die Transition Town- Bewegung die Funktion des Vorbereitens auf einen gesellschaftlichen Wandel. Bisher und so lange das vorherrschende System nicht in eine Krise gerät wird sie lediglich Nischenstatus haben. Dennoch ist dies eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn nicht nur zukünftige, möglicherweise überlebenswichtige Strukturen und Netzwerke werden so vorbereitet und geknüpft, diese Strukturen und Netzwerke würden gleichzeitig als Puffer während möglicher zukünftiger Krisen wirken. Ob es wirklich zu einer solchen Krise kommen muss, um etwas zu verändern, ist ungewiss. Klar ist wohl, dass vorherrschende Systeme generell alles versuchen, um sich selbst am Leben zu halten, selbst dann, wenn bereits offensichtlich ist, dass aufgrund deren Logik Krisen immanent und unausweichlich sind.

In der anschließenden Diskussion konnte ich noch einige wertvolle Aspekte für mich mitnehmen, so z.B. das Bewusstsein über die möglichen Gefahren einer sog. Ökodiktatur. Insgesamt war es ein reiches und rundes Wochenende.

Comment

  • Julia

    15. Mai 2012 at 15:46

    Danke für den schönen Artikel Denis! :) Aber was bitte wäre eine Ökodiktatur?! Klär mich mal auf bitte :)

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