Mit Herzabdruck und Kreativität zur ökologischen Selbstverwaltung

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Mit Standing Ovations feierte das Freiburger Publikum am vergangenen Montag Vandana Shivas Vortrag mit dem Titel „Wem gehört die Welt? Finanz- und Ökokrisen: Wir sind die Lösung!“ Die Philosophie und praktische Arbeit der Forscherin, Umweltaktivistin, Bürgerrechtlerin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises beeindruckte gut 800 Menschen in Paulussaal und Pauluskirche zutiefst.

Vandana Shiva, Bernward Geier„Jeder kann die Initiative ergreifen und etwas bewirken. Sie können sogar Spaß dabei haben!“, ermunterte Shiva das Publikum mit konspirativem Lächeln, ihrem Beispiel zu folgen und sich aktiv für eine ökologische Lebensweise, den Erhalt der Artenvielfalt und einen Wandel im Denken einzusetzen. „Es ist mehr als genug für alle da, wenn wir einfach leben“, so das Fazit der Wissenschaftlerin, die sowohl ein Physik- als auch ein Philosophiestudium mit dem Doktortitel abgeschlossen hat. Die Antwort auf die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise liege nicht in weiterem Wirtschaftswachstum und grüner Gentechnik, sondern in der ökologischen Landwirtschaft in kleinbäuerlichen Strukturen sowie der weltweiten Re-Lokalisierung der Wirtschaft und Märkte. Grundvoraussetzungen für die Widerstandsfähigkeit gegen Wirtschafts- und Umweltkrisen seien neben Selbstversorgung und Selbstverantwortung, der Erhalt der biologischen Vielfalt sowie freier Zugang zu natürlichen Ressourcen wie Wasser, Brennholz, Boden und Saatgut. Dass der Zugang zu Letzterem durch Gesetzgebung und Vertriebspolitik der Biochemie- und Gentechnik-Industrie eingeschränkt sei, kritisierte Shiva aus mehreren Gründen äußerst scharf. Hauptkritikpunkt ist die Bedrohung der Biodiversität. Aufgrund der nahezu erreichten Monopolstellung des US-amerikanischen Chemiekonzerns Monsanto, der etwa 93 Prozent des weltweiten Saatgutmarktes beherrscht, gehe die Vielfalt der angebauten Feldfrüchte und des verfügbaren Saatguts stark zurück. Zahlreiche althergebrachte Kulturpflanzen seien vom Aussterben bedroht. Ebenso bedenklich sei die zunehmende Abhängigkeit, mit gravierenden finanziellen Folgen, landwirtschaftlicher Betriebe und Kleinbauern von einigen wenigen Saatgutherstellern wie BASF, Syngenta und Monsanto.

Die Vermehrung von patentiertem Saatgut wird kriminalisiert

Besonders fatal wirke sich diese Monopolstellung im Zusammenspiel mit der Gesetzgebung vieler Länder aus. So sind in den USA, der EU und in Deutschland die Patentierung von genmanipulierten Tieren und Pflanzen erlaubt. Besitz und Verteilung patentierter Pflanzen und aller weiteren daraus erzeugten Produkte wie Pflanzenöl und damit hergestellter Fertigprodukte sind nur dem Patentinhaber vorbehalten. Im Klartext: Wer patentiertes Saatgut kauft und anbaut, darf nicht wie in Indien und diversen afrikanischen Ländern üblich, einen Teil der Ernte zurück behalten, um daraus neues Saatgut für die nächste Anbauperiode zu gewinnen. Die Vermehrung von patentiertem Saatgut ist nur mit Zustimmung des Patentinhabers und gegen Lizenzgebühr erlaubt. Zuwiderhandlungen können mit Haft- oder Geldstrafe bis hin zur Vernichtung der Ernte geahndet werden. Selbst das Aufbewahren von patentiertem Saatgut ist verboten.

„Monsanto kriminalisiert den Anbau von Saatgut. Sie wollen das Leben auf diesem Planeten besitzen und kontrollieren!“, brachte Shiva die Praktiken des Unternehmens treffend auf den Punkt. Denn anders als bei dem in Deutschland bereits seit 1953 bestehenden Sortenschutz, der ebenfalls Lizenzgebühren und Strafe bei Verstößen festschreibt, ermöglicht ein Patent auf Tiere oder Pflanzen die Kontrolle der gesamten darauf aufbauenden Nahrungskette. In Indien hat der Anbau von patentiertem Saatgut laut Vandana Shiva hunderttausende Landwirte in den Ruin getrieben. Diese von Gier geleitete Geschäftspolitik, die zur Gewinnmaximierung einer kleinen Minderheit breite Bevölkerungsschichten ins Elend stürze sei nicht tragbar. Leider gelte das nicht nur für Monsanto, sondern für die Wall Street und multinationale Konzerne insgesamt. Mit dem eigentlichen Sinn von Wirtschaft habe das nichts mehr zu tun. Shiva erinnerte daran, dass Ökonomie sich aus dem altgriechischen Oikos – was wörtlich übersetzt Haus der Wirtschaft bedeutet – ableitet. Diese Oikii waren familiäre Hofgüter, die Nahrung, Kleidung und Gebrauchsgegenstände für den Eigenbedarf und zum Verkauf herstellten. Eine Lösung für heutige Probleme sei die Rückkehr zu selbstverwalteten, ökologisch wirtschaftenden lokal ausgerichteten Betrieben.

Jedenfalls sei es kein Wunder, dass die 99 Prozent der unter den aktuellen wirtschaftlichen Verhältnissen leidenden Menschen in Massen auf die Straße gingen. Sie habe großes Verständnis für die Occupy-Bewegung und die Proteste in Griechenland oder – kurzer Blick auf eine Frau im Publikum – „für obdachlose Menschen, die es offenbar auch hier in Freiburg gibt“. Einfühlsam und unaufgeregt reagierte Vandana Shiva mit diesem Nebensatz auf laute Buh- und Zwischenrufe während des Grußworts von Oberbürgermeister Dieter Salomon. Wie denn die zahlreichen Obdachlosen Freiburgs bei dieser Kälte klarkommen sollten, hatte eine Frau mittleren Alters den OB lautstark attackiert. Das Publikum quittierte Shivas Ausdruck der Solidarität und ihre klar formulierte Wirtschafts-Kritik mit spontanem Applaus.

50 Prozent der Hungernden sind Kleinbauern

Die Reaktionen auf den weiteren Vortrag der rundlichen Frau in leuchtend grünem Sari wechselten zwischen gebannter Konzentration, entsetztem Kopfschütteln und herzhaftem Lachen. Mit ihrem trockenen Humor und dem streckenweise sehr britisch klingenden Akzent eroberte die bekannte Umweltaktivistin den überfüllten Paulussaal im Sturm. Wegen des großen Besucherandrangs wurde die Rede auch in die Pauluskirche übertragen, wo sich 300 bis 400 weitere Personen drängten.

Betroffenheit löste Shivas Bericht über die hohen Selbstmordraten unter indischen Landwirten aus. Demnach verübten innerhalb von 20 Jahren allein in Indien 250.000 Farmer Selbstmord, weil sie sich durch den Kauf vDemonstration in Indienon patentiertem Saatgut, das den Einsatz teurer Düngemittel und Pestizide erfordert, überschuldet hatten. Saatgut und Dünger bringen jedoch nur dann gute Erträge, wenn es ausreichend regnet, was in vielen Regionen Indiens und Afrikas immer seltener der Fall ist. Zunehmend lange Dürreperioden lassen die Ernteerträge geringer oder sogar völlig ausfallen, so dass den hohen Ausgaben keine Einnahmen gegenüber stehen. In vielen Fällen habe dies nach jahrelangem Existenzkampf und Hungerns zum Verlust des Hofs geführt. Derzeit leiden weltweit eine Milliarde Menschen an chronischem Hunger – das ist etwa jeder siebte. Die Hälfte beziehungsweise 50 Prozent sind Kleinbauern. Weitere 20 Prozent der Hungernden sind grundbesitzlose Landarbeiter.

Für das Problem der Überschuldung und der Verarmung unter Kleinbauern macht Vandana Shiva in erster Linie die Praktiken der internationalen Saatgutkonzerne wie BASF, Syngenta und besonders ihre „Lieblingsfirma“ Monsonto verantwortlich, wie die 59jährige den Konzern mit feinem und trotz des ernsten Themas heiterem Sarkasmus bezeichnete. (Die im Vergleich zur übrigen Bevölkerung erhöhten Selbstmordraten unter Farmern werden auch in Afrika, Lateinamerika und selbst in den USA registriert. Andere Aktivisten, wie zum Beispiel Raj Patel, führen Verschuldung und Bankrott der Landwirte der südlichen Welthalbkugel vor allem auf die niedrigen Weltmarktpreise für Kaffeebohnen, Reis, Mais etc. im Vergleich zu den bis zu 20 mal höheren Preisen für die daraus von westlichen Konzernen erzeugten Fertigprodukte zurück. Einfuhrbeschränkungen und Agrarsubventionen der Industrieländer sowie die Folgen des Kolonialsystems verschärfen das Problem. Anmerkung der Autorin)

Vorhandene Pflanzen patentierten lassen ist Bio-Piraterie

Unabhängig davon, ob patentiertes Saatgut für die hohen Selbstmordraten unter Landwirten verantwortlich ist oder nicht, wirft die Patentierung bereits bekannter Kulturpflanzen Fragen auf: Ist es eine eigenständige Erfindung, wenn vorhandene Tiere oder Pflanzen mit DNA-Markern zu bestücken? „Nein“, sagt Vandana Shiva: „Gene in bereits vorhandene Pflanzen zu stecken ist keine Erfindung, sondern bestenfalls Verschmutzung!“ Wenn Patentierung dazu diene, das Geschäft mit den Folgegenerationen und –produkten einer patentierten Pflanze alleine zu kontrollieren, sei das Diebstahl. So geschehen mit einem Extrakt aus dem Samen des indischen Niembaums. 1994 meldeten das US-amerikanische Landwirtschaftsministerium und die Firma W. R. Grace ein Patent auf die in Indien seit über 2.000 Jahren als Heilmittel sowie in Landwirtschaft und Gartenbau als Pestizid und Düngemittel verwendeten Niemsamen an. In der Folge kaufte Grace mehrere Niem-verarbeitende Firmen in Indien auf, worauf der Preis des populären Insektizids pro Tonne um mehr als das Zehnfache stieg und damit für die meisten indischen Kleinbauern unerschwinglich wurde. „Wir haben dagegen geklagt“, strahlt Vandana Shiva Buddha-gleich ins Publikum: „Sechs Jahre später haben wir gewonnen!“ Das Europäische Patentamt erkannte in diesem und zwei weiteren Fällen die erteilten Patente wieder ab, weil es sich nicht um neue Erfindungen gehandelt habe. Dass Monsanto und andere Firmen immer wieder versuchen, auf Pflanzen wie die indische Melone oder Basmati-Reis Patente anzumelden und somit zu ihrem geistigen Eigentum zu erklären, bezeichnet die streitbare Physikerin als „Bio-Piraterie“.

Tree Hugging  – Waldschutz durch Umarmen

Dieses Vorgehen der Gentechnik-Industrie habe sie Mitte der 1990er Jahre dazu bewogen, sich ausschließlich der unabhängigen ökologischen Forschung zu widmen und sich für die Rechte der indischen Kleinbauern einzusetzen. Schon zehn Jahre vorher hatte sie unter dem Eindruck der von Frauen organisierten Chipko-Bewegung ein besonderes Interesse für Bürgerrechte und die Belange der indischen Frauen entwickelt.

Den Chipko-Aktivistinnen war es unter Einsatz ihres Lebens gelungen, einen öffentlichen Wald durch das Umarmen von Bäumen vorm Abholzen zu bewahren. „Wir haben der Regierung damals klar gemacht, dass der Wald als Gemeingut viel mehr Nutzen bringt als der einmalige Kahlschlag und Ertrag des verkauften Bauholzes: Ein Wald bietet als funktionierendes Ökosystem Schutz vor Bodenerosion und Schlammlawinen; er filtert die Luft, spendet Brennholz und Nahrung, von dem die Bewohner der Region einen wichtigen Teil ihres Lebensunterhalts bestreiten können“, beschreibt die Öko-Feministin ihre prägenden Erfahrungen im Kampf für Umwelt und Bürgerrechte. Die Erkenntnis, dass nicht nur die Wirtschaft den Interessen eines Bruchteils der Bevölkerung vorbehalten ist, sondern auch die Wissenschaft weitgehend dem Machterhalt eben dieser so genannten Elite dient, hatte sie 1982 dazu veranlasst, die indische Universität gegen den ehemaligen Kuhstall ihrer Mutter im nordindischen Deradun einzutauschen. Am Fuß des Himalayas gründete die frühere Professorin das unabhängige Forschungsinstitut für Wissenschaft, Technologie und Ökologie. Als ein Ergebnis dieser Forschung zeigte sich, wie potent vorhandene Kulturpflanzen auch ganz ohne Gentechnik sind. So zum Beispiel Tee aus dem schon erwähnten Niembaumsamen, der in der Lage ist, Giftstoffe zu binden. Seinen praktischen Einsatz findet dieser „Niemtee“ in Bhopal, wo er dabei hilft, den durch Chemikalien verseuchten Boden wieder nutzbar zu machen. An den Folgen des katastrophalen vom US-Chemiekonzern Union Carbide 1984 verursachten Giftgasunfalls in Bhopal starben nach Vandana Shivas Aussage 30.000 Menschen. Das Firmengelände wurde niemals von den Überresten befreit, so dass die vor mehr als 25 Jahren freigesetzten Toxine noch heute eine Gefahr für die Bevölkerung sind. Wind und Regen tragen die zum Teil krebserregenden Giftstoffe über Luft und Grundwasser in Wohngebiete und Felder außerhalb des Firmengeländes. Erkrankungen an Augen, Haut und Magen bis hin zu Krebs und Missbildungen bei Neugeborenen sind die Folge. Bei der Beseitigung dieser Umweltgifte erziele der gentechnik-freie Niemsamen gute Ergebnisse.

Neun Samen und eine Weltuniversität

Angesichts dieser positiven Erfahrungen mit natürlichen Pestiziden und ökologischer Landwirtschaft war die nächste Konsequenz eine Versuchsfarm mit angegliedertem Labor. 1992 entstand mit Navdanya (deutsch gleich neun Samen, neun Saaten) eine solche Farm nebst Labor und Schulungseinrichtung. Das Auswerten von Bodenproben und Züchten von Feldfrüchten, die sich an spezielle Bodenbedingungen wie starken Salzeintrag durch Überschwemmungen nach einem Tsunami oder an sehr trockene Böden in Dürreregionen anpassen können, sind Aufgabe des Labors. Außerdem schult Navdanya im Doon Valley konventionell arbeitende Bauern in ökologischer Landwirtschaft. An die 500.000 Landwirte haben hier bereits Kurse absolviert und geben dieses Wissen an Menschen in ihrem Umfeld weiter. Grundsätzlich steht die Farm für jeden offen: „Ich lade Sie alle ein, uns auf Navdanya zu besuchen“, ruft Vandana Shiva mit weit geöffneten Armen ins Publikum. Es klingt aufrichtig und animierend. Vielleicht wären ja ein Praktikum auf der Farm oder eine Ausbildung an der 2001 im Doon Valley eröffneten Earth University in Erddemokratie, Ökologie, nachhaltiger Lebensweise, friedlichem Miteinander, Meditation und Yoga genau das Richtige für Überdrüssige der sozialen Marktwirtschaft westlicher Prägung.

Neben Schulung und Forschung sind die Vermehrung von Saatgut und der Erhalt einheimischer Pflanzenarten das Hauptanliegen Navdanyas. Schließlich verfügt Indien von jeher über eine immense Artenvielfalt. Mehr als 300 Reissorten und 1.500 Arten von Baumwolle werden in Indien angepflanzt – weiße, rosane, lang-, mittel- und kurzfaserige. Diese Vielfalt zu erhalten und das Saatgut über Filialen im ganzen Land frei verfügbar zu machen, ist das erklärte Ziel von Navdanya. Nur so könne das quasi Monopol von Monsanto gebrochen werden, die derzeit 90 Prozent des Marktes für Baumwollsaatgut kontrollieren.

Dass diese Philosophie den finanziellen Interessen multinationaler Konzerne und der von ihnen beeinflussten Regierungen diametral entgegen steht, macht die Arbeit für Navdanya und die Bürgerrechtsbewegung von Vandana Shiva nicht gerade einfacher. Umso mehr freue sie sich über jede Form der Unterstützung und Bewusstseinsbildung. Umweltschutz dürfe nicht beim Messen des CO2-Fußabdrucks stehen bleiben: „Was wir brauchen, ist ein ökologischer Fußabdruck, der sorgsam mit den Ressourcen umgeht; ein kreativer Handabdruck, für neue Formen nachhaltiger und ökologischer Wirtschaft und drittens einen Herzabdruck, der dies mit Leidenschaft voranbringt.“

Titel des Vortrags: Wem gehört die Welt? Finanz- und Ökokrisen: Wir sind die Lösung!

Ort, Datum:  Freiburg, 13. Februar 2012

Veranstalter: Navdanya/Indien

Organisation, Moderation, Übersetzung:    Bernward Geier (Colabora), www.colabora-together.de

Mitveranstalter: attac, BUND, Ecotrinova, Elektrizitätswerke Schönau, Freitaler e.V., Greenpeace Freiburg, Stiftung Zukunftserbe, Taifun, Transition Town Freiburg, Neumarkter Lammsbräu, Slow Food, u-asta, Aktionsbündnis Gentechnikfreie Region Oberrhein

 

Weiterführende Informationen

Navdanya, Deradun/Indien

Raj Patal: Stuffed and Starved

Potsdam-Institut für Klimaforschung: Folgen des weltweiten Handels mit Agrarprodukten auf den Klimawandel

 

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